Essay. Im Netz der Spinnenfrau
Um das Jahr 2055 besucht ein ehemaliger Journalist eine ehemalige Rechtsterroristin im Altenpflegeheim. Er ist fast genauso alt wie sie, in seiner Jugend hätten sich ihre Wege kreuzen können. Bevor er ihr Zimmer betritt, schreitet er durch die langen Gänge seiner Erinnerungen: das Gift der Neonazis im Osten, die rechte Zeitschrift Compact, verlegt in der Stadt L, in der sich das Altenpflegeheim befindet, das sächsische Land, in dem Wolfsspinnen hausten, ohne Netze, aber immer auf der Jagd, sozialistisches Liedgut seiner Kindheit … Und als der ehemalige Journalist dann endlich das Zimmer der ehemaligen Rechtsterroristin betritt, ist er gefangen im Netz der Spinnenfrau, in ihren Geschichten, Lügen, Legenden und Rechtfertigungen, die auch seine eigenen Geschichten sind
