Ein Zufall im Paradies

Wie ist der Mensch entstanden? Dieser Frage gehen Forscherinnen und Forscher in verschiedenen Gegenden Afrikas nach. Der Dokumentarfilm von Matthias von Gunten ist allerdings viel mehr als eine Bilanz der heute vorliegenden Ergebnisse. Er geht weit in die Evolutionsgeschichte zurück und führt eine Diskussion mit führenden Forschern und Forscherinnen. Mit seinen Bildern versucht er das Geheimnis der Menschwerdung zu berühren. Dabei stösst er auf philosophische und religiöse Fragen, die im Dialog zwischen Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie auftauchen.

„Jetzt, wo das Gesetz der natürlichen Selektion entdeckt ist, wird die Vorstellung von einem höheren Schöpferplan in der Natur hinfällig.“ Das hat Charles Darwin (1809 bis 1882) in sein Tagebuch notiert. Vor rund 150 Jahren hat er den Beweis erbracht, dass die Existenz des Menschen das Resultat einer Entwicklung ist, er also nicht im Paradies erschaffen wurde.

Heute scheint relativ sicher, dass die Wiege der Menschheit in Afrika liegt, fanden sich bis dato doch nur dort entsprechende Zeugnisse. Zudem leben unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, sonst nirgends auf der Welt. Der erfolgreichste „Fossilienjäger“ überhaupt ist der Kenianer Kamoya Kimeu. Er ist Mitglied des Forschungsteams um die Paläontologin Meave Leakey, die Matthias von Gunten mit seiner Filmcrew besucht hat. Zu den faszinierendsten Szenen von „Ein Zufall im Paradies“ gehören die, in denen man den begabten Spurensucher über ödes Land schreiten sieht, den Blick konzentriert auf den Boden gerichtet, vom Wunsch und der Überzeugung getrieben, etwas zu entdecken und sei es noch so klein. Was er schliesslich aufhebt, sieht für einen Laien oft nicht anders aus als ein kleiner Stein oder ein Stück Holz.

Heute noch grün und vegetationsreich ist das Okavango-Delta in Botswana, wo Elisabeth Vrba ihre Studien betreibt. Hier glaubt sie einen Ort gefunden zu haben, der dem Umfeld, in welchem die Ahnen des Menschen lebten, sehr ähnlich ist. Vrba beobachtet Flora und Fauna um herauszufinden, wie Evolution funktioniert und was der Grund für die Entwicklung des Menschen gewesen sein könnte. Eine weitere Station in von Guntens Film ist der Taï-Regenwald an der Elfenbeinküste, wo der Biologe Christophe Boesch seit fast zwei Jahrzehnten Schimpansen beobachtet. Er interessiert sich vor allem für die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet.

Matthias von Gunten unterlässt es, das Publikum mit akademischen Details zu überschütten, doch ist sein Zugang zum Thema durchwegs von einem philosophischen Standpunkt bestimmt. Die verschiedenen Ansichten und Ansätze der enthusiastischen Forscherinnen und Forscher werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern so verwoben, dass ein lebendiger, facettenreicher Eindruck des Gegenstandes – und von damit zusammenhängenden existenziellen Fragen nach dem Woher und Wohin der Menschheit – entsteht. Auf den ersten Blick scheint „Ein Zufall im Paradies“ eher von einer beobachtenden Position bestimmt, doch in der Art, wie die Bilder montiert sind, in den Bezügen, die zwischen ihnen entstehen, öffnen sich die philosophischen Dimensionen der Thematik.

Mensch und Schimpanse, das ist mehr oder weniger verbürgt, haben vor vielleicht 5,5 Millionen Jahren dieselben Vorfahren gehabt. Man kann heute glaubwürdig erklären, wie der Mensch entstanden ist. Warum aber ist er entstanden? Was gab den Ausschlag? Warum hat sich nur eine Urzeit-Kreatur zu dem entwickelt, was wir heute sind? Diese Fragen konnte bis heute kein Forscher beantworten. Hatte Darwin vielleicht doch nicht ganz Recht?

Judith Waldner / Charles Martig

Ein Zufall im Paradies, Schweiz/Österreich 1999, Regie: Matthias von Gunten

Film des Monats September 1999