Ein Lied für Argyris

Als Argyris Sfountouris vier Jahre alt ist, verliert er seine Eltern und weitere 30 Angehörige, massakriert von deutschen Soldaten, die 1944 in einer «Vergeltungsaktion» über das griechische Dorf Distomo herfallen. Eine Kindheit, ein ganzes Leben nimmt jäh einen anderen Verlauf: Argyris kommt in ein Athener Waisenhaus und vier Jahre später mit dem Roten Kreuz in das Kinderdorf Pestalozzi nach Trogen. Sein halbes Leben verbringt er in der Schweiz, als Physiklehrer, Dichter, Übersetzer und politischer Aktivist gegen die spätere Militärjunta in Griechenland. Schliesslich geht er als Entwicklungshelfer nach Somalia und Indonesien. Doch das Trauma seiner Entwurzelung kann er nicht abstreifen. Heute engagiert er sich für die Aufarbeitung des Massakers von Distomo und kämpft um Entschädigung für die Überlebenden.

Stefan Haupts Dokumentarfilm ist mehr als das Porträt einer beeindruckenden Persönlichkeit. Er blickt in das schmerzliche Kaleidoskop der Geschichte auf der Suche nach Hoffnung und Menschlichkeit, ohne seine politische Brisanz zu aufzugeben. Obwohl der Film eine Unmenge an Archivmaterial und Interviews zusammenträgt, bleibt er von einem ruhigen Erzählfluss getragen. Die grossen Themen Schuld, Vergebung und Verantwortung verlieren ihre Abstraktheit, sie werden persönlich und gehen den Zuschauenden unter die Haut.

Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch

«Ein Lied für Argyris», Schweiz 2006, Regie: Stefan Haupt, Dokumentarfilm mit Argyris Sfountouris, Mikis Theodorakis, Arthur Bill u.a.; Verleih: Frenetic Films, Internet: http://www.frenetic.ch

Kinostart: 2. November

«Ein Lied für Argyris» ist Film des Monats November. Die Kritik zum Film des Monats kann hier als pdf-Datei geladen werden: kath.ch/pdf/filmtipp_1106.pdf