Die Highlights der 64. Berlinale

Vom 6. bis 16. Februar 2014 stand Berlin im Rampenlicht der bewegten Bilder und ihrer Stars, welche zur Premiere den roten Teppich im Minutentakt abschritten. Die ökumenische Jury hatte unter 30 Filmen die Qual der Wahl – und auch die Schweizer Beiträge im Blickfeld.

Als Mitglied der ökumenischen Jury erlebte ich diesen schillernden Anlass hautnah mit und liess mich noch so gerne vom cineastischen Sog anziehen. Dies sehr wohl auch zu seinem Preis: Alleine die ökumenische Jury hatte über 30 Filme zu bewerten – verbunden mit regelmässigen Meetings und Empfängen. Entsprechend wurde mit der Zeit nicht nur das Blickfeld zunehmend rechteckig, sondern auch die Müdigkeit grösser. Die ökumenische Jury verleiht ihre Preise an Werke von Filmschaffenden, denen es mit künstlerischer Begabung gelingt, ein menschliches Verhalten oder Zeugnis zum Ausdruck zu bringen, das mit dem Evangelium in Einklang steht oder das Publikum für spirituelle, menschliche oder soziale Fragen und Werte sensibilisiert.

«Kreuzweg» überzeugt im offiziellen Wettbewerb

Ihren Hauptpreis an einen Film aus dem offiziellen Wettbewerb vergab die sechsköpfige ökumenische Jury an den Film «Kreuzweg» von Dietrich Brüggemann, Deutschland / Frankreich 2014, dessen Drehbuch zusätzlich mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Fast ohne Kamerabewegung oder Musik werden 14 an den Kreuzwegstationen angelehnte Tableaus formal konsequent erzählt. Die Hauptfigur ist die 14-jährige Maria, die in einer katholisch-fundamentalistischen Gemeinschaft aufwächst und ihr eigenes Leben Gott weihen will. Der Film zeigt die destruktiven Aspekte jedes Fundamentalismus und legt zugleich die Reflexion über angemessene Formen des Glaubens nahe.

Eine lobende Erwähnung im offiziellen Wettbewerb ging an den Film «’71» von Yann Demange, Grossbritannien 2014, in dem von einem britischen Soldaten erzählt wird, der sich im apokalyptischen Inferno von Belfast verliert und verzweifelt versucht, den Rückweg zu seiner Einheit zu finden. Wird es unter den protestantischen Loyalisten oder den katholischen Nationalisten «barmherzige Samariter» geben, die ihm in dieser Situation helfen? Obwohl diese Geschichte in einer spezifischen historischen Situation angesiedelt ist, kommt ihr universelle Bedeutung zu, indem sie die Sinnlosigkeit von Gewalt aufzeigt.

Preise in den Sektionen Panorama und Forum

Zusätzlich zum Hauptpreis vergab die Jury in den Sektionen Panorama und Forum zwei Preise und eine weitere lobende Erwähnung. Ausgezeichnet wurde der spannende Film «Calvary» von John Michael McDonagh, Grossbritannien / Irland 2014, der beginnt, als ein irisch-katholischer Priester während der Beichte erfährt, dass er nur noch eine Woche zu leben hat, weil er dann umgebracht werden soll. Wird seine moralische Integrität ihn dazu bewegen, die Sünden seiner Kirche auf sich zu nehmen? Schwarzer Humor fehlt nicht in diesem Film, der aber gleichzeitig zahlreiche ernsthafte Themen aufnimmt und sehr zum Nachdenken anregt.

Ebenfalls ausgezeichnet wurde der Film «Sto Spiti / At Home» von Athanasios Karanikolas, Griechenland / Deutschland 2014, in welchem die georgische Migrantin Nadja porträtiert wird, die ohne soziale Absicherung als Hausangestellte in einer griechischen Oberklassefamilie lebt und arbeitet. Der Film stellt die Würde einer Frau am Rand der Gesellschaft in den Mittelpunkt. Schliesslich wurde noch eine lobende Erwähnung ausgesprochen an den Film «Triptyque» von Robert Lepage und Pedro Pires, Kanada 2013: In einer cinematographisch anspruchsvollen Meditation über Musik, Religion, Medizin und die menschlichen Sinne, wird die Frage aufgeworfen, ob Veränderungen an unserem Gehirn Auswirkungen auf unsere Seele haben.

Die Schweiz brilliert mit «Der Kreis»

Auch Schweizer Beiträge gab es an der Berlinale 2014: In Fabienne Giezendanners Film «Nain Géant» wird Petite Neige im ewigen Eis von einem stürmischen Zwergriesen verfolgt. Der Film «Neuland» von Anna Thommen stellt die – nach dem Abstimmungssonntag vom 9. Februar 2014 nun noch dringendere – Frage, ob es für jugendliche Flüchtlinge einer Integrationsklasse in Basel einen Platz in der Schweiz gibt.

Und geradezu brilliert hat Stefan Haupts Film «Der Kreis», der sowohl den «Teddy Award» erhielt, den bedeutendsten schwul-lesbischen Filmpreis der Welt, als auch den Panorama-Publikumspreis: Die Doku-Fiktion handelt vom Leben von Ernst Ostertag und Röbi Rapp, die als Mitglieder der Schweizer Schwulenorganisation «Der Kreis» deren Blütezeit und Zerschlagung erlebten und um ihre Liebe und die Rechte der Schwulen kämpften.

Thomas Schüpbach, Mitglied der ökumenischen Jury / reformierter Pfarrer in Zürich-Sihlfeld
pfarramt@sihlfeld.ch

http://www.berlinale.de

Preise der ökumenischen Jury

Die ökumenische Jury der 64. Berlinale, berufen von Interfilm und Signis, vergibt Preise im Wettbewerb, im Forum und im Panorama. Forums- und Panorama-Preis sind jeweils mit 2500 Euro dotiert. Die Gelder sind von der Katholischen Filmarbeit Deutschlands und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gestiftet.

Der Preis im Wettbewerb geht an

Kreuzweg
von Dietrich Brüggemann, Deutschland / Frankreich 2014

Eine lobende Erwähnung im Wettbewerb geht an

’71
von Yann Demange, Grossbritannien 2014

Der Preis im Panorama geht an

Calvary
von John Michael McDonagh, Grossbritannien / Irland 2014

Eine lobende Erwähnung im Panorama geht an

Triptyque
von Robert Lepage und Pedro Pires, Kanada 2013

Der Preis im Forum geht an

Sto Spiti / At Home
von Athanasios Karanikolas, Griechenland / Deutschland 2014


Die Mitglieder der Jury 2014

Karel Deburchgrave (Belgien)
Gabriella Lettini (USA)
Thomas Schüpbach (Schweiz)
Christoph Strack (Deutschland)
Antonio Urrata (Italien)
Dirk von Jutrczenka (Jurypräsident, Deutschland)

 
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