Die Erotik der Gewalt
In den Schweizer Kinos läuft zur Zeit „American History X“ des Briten Tony Kaye. Handelt es sich dabei um eine faschistoide Gewaltverherrlichung oder um ein wichtiges Stück Aufklärung?
Derek Vinyard (Edward Norton), ein junger Amerikaner, ist Mitglied einer gut organisierten Gang von Neonazis. Für den kaltblütigen Mord an zwei Schwarzen sitzt er drei Jahre im Gefängnis. Während dieser Zeit, nicht zuletzt unter dem Einfluss seines schwarzen Lehrers Sweeney, der ihn regelmässig besucht, ändert er seine Gesinnung und schwört dem rassistischen Gedankengut ab. Als er heimkehrt, muss er feststellen, dass sein jüngerer Bruder Danny (Edward Furlong) unterdessen selber zum Nazi geworden ist. Derek kann Danny zwar bekehren, am nächsten Tag aber wird der Bruder in der Schule von einem Schwarzen ermordet.
Die Thema des Films, Neonazismus und Rassismus, sind aktuell und durch die ungeheuren Ereignisse vom 20. April in Littleton bei Denver von der Realität einmal mehr eingeholt worden. Die beiden Jungen, die dort mehrere Mitschüler erschossen, waren auch von neonazistischem und rassistischem Gedanken-un-gut beeinflusst.
Der Täter und das Opfer
Derek Vinyard sieht sich als weisses Opfer einer von Farbigen unterwanderten amerikanischen Gesellschaft. Er ist der „Held des Films“ – und zwar vor und nach seiner „Bekehrung“. Die Bildsprache des ehemaligen Werbefilmers Tony Kaye ist deutlich genug: die brutale Ermordung zweier Schwarzer zeigt der Film in Zeitlupe, begleitet von Chorgesang, der Mörder mit nacktem, muskulösem Oberkörper und eintätowiertem Hitlerkreuz. In der Pose des gekreuzigten Christus lässt er sich vor den Polizisten auf die Knie sinken und verhaften, als Märtyrer für die gute Sache. Der Film gibt keinen Hinweis darauf, warum diese Szene so und nicht anders gedreht wurde. Als Erklärung bleibt nur, dass der Regisseur einer eigenen Faszination für Gewalt auf den Leim gegangen ist. Auch Schauspieler Norton, der sich im Streit von Regisseur Kaye trennte und für den letzten Schnitt verantwortlich ist, spricht in einem Interview der SonntagsZeitung von der Erotik der Gewalt. Was aber ist erotisch daran, wenn vier Skins eine junge asiatische Verkäuferin zwingen, Putzmittel zu trinken? Die Kontrastfigur zum erotischen Derek gibt dessen an schwerem Übergewicht leidender Neonazi-Kumpel Seth (Ethan Suplee) ab, der neben dem kernigen Derek schlechte Figur macht. Sein demonstrativ herausgebrülltes „Ich bin am Verhungern“ soll wohl auf eine psychische Notlage hinweisen, ist aber viel zu plakativ. Auch Dereks Gewalttaten werden mit einer etwas holzschnittartigen Psychologie erklärt.
Verwirrung und Ungehagen
Der Film verwirrt durch widersprüchliche Aussagen. Da ist einerseits die Bildsprache. Anderseits sehen wir die Geschichte einer Katharsis, deshalb kann die Mainzer „Stiftung Lesen“ den Film – mit Unterstützung von amnesty international – zur Gewaltprävention an Schulen empfehlen. Ähnlich dem Mörder in „Dead man walking“ (Tim Robbins, USA 1995) wird Derek im Gefängnis vom kalten Killer zum reuigen Sensiblen. Anders aber als in „Dead man walking“ ist diese enorme innere Wandlung bei Derek nicht nachvollziehbar. Denn während in jenem Film die Umkehr als langsamer, schmerzhafter Prozess dargestellt wird, der durch die Begleitung eines Menschen ermöglicht wird, geschieht sie in diesem Film offenbar vor allem durch die Vergewaltigung durch weisse Mitinsassen.
Anders als Krysztof Kieslowskys „Ein kurzer Film über das Töten“ (1988/89), der die Erdrosselung eines Taxifahrers in ihrer ganzen Länge und physischen Anstrengung, aber ohne schöne Schauspieler, ohne Zeitlupe und ohne Chorgesang zeigt, hinterlässt „American History X“ – sieht man einmal von der schauspielerischen Leistung Edward Nortons ab – Verwirrung und Unbehagen.
Susanne Hofer-Taccini
