Der Geruch von Schwertlilien

Urs Jecker ist Mitglied der Redaktion Religion von Schweizer Radio DRS. Sein Kernthema ist Religion und Kirchen. ZOOM tip war mit ihm im Gespräch über ihn und seine Arbeit.

Urs Jecker, warum ist Ihnen das Thema Religion wichtig?

Ich bin im mehrheitlich katholischen Laufen aufgewachsen und entsprechend sozialisiert worden, mit Ministrantenkarriere und so. Die Religion, die wesentlich durch die Kirche vermittelt wurde, war für mich aber stets eine Quelle vieler Ängste. Kirche bedeutete für mich Zwang, es gab keine Freiheit des Willens. Schlimm war für mich die Fronleichnamsprozession, für welche mein Vater stets die Schwertlilien im Garten abschnitt. Die Prozession war mir Zeichen der rituellen Beengung und zwanghaften Vorschriften. Noch heute bedeutet der Geruch von Schwertlilien für mich Fronleichnam und kirchliche Enge.

Das Positive der katholischen Prägung ist, dass ich gelernt habe, genauer hinzuschauen. Ich konnte der Gottesfrage nicht ausweichen und habe mich selbst dadurch besser kennengelernt. Während meiner Ausbildung zum Religionslehrer am Katechetischen Institut habe ich im Priesterseminar in Luzern gewohnt. Dadurch habe ich auch die Institution Kirche besser kennengelernt. Nicht zuletzt deshalb kann ich die Kirche heute als „Insider“ betrachten und kritisieren.

Persönlich stehe ich auf dem Standpunkt des agnostischen Zweiflers. Ich weiss nicht, ob es Gott gibt und ich kann ihn auch nicht erkennen. Das schliesst aber die Möglichkeit seiner Existenz nicht aus. Und gerade das ist ja das Spannende!
 
 
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit, was weniger?

Ich habe bei Schweizer Radio DRS die grösstmögliche Freiheit, die ein Grossbetrieb wohl überhaupt bieten kann. Ich muss zwar Plan-Soll und Vorgaben erfüllen, aber in vielen Fragen kann ich selber entscheiden. Von der Idee einer Sendung bis zu deren Ausstrahlung kann ein Radio-Macher, im Gegensatz zu einem beim Fernsehen, technisch alles selber produzieren. Ich liebe den „Journalismus pur“ und habe deswegen auch schon Anfragen um Vorgesetztenpositionen abgelehnt: zu viel Papierkram, zuviele Sitzungen.

Negativ ist der steigende Produktionsdruck mit seinen Folgen: die interne und externe Kommunikation wird erschwert und es besteht die Gefahr, GesprächspartnerInnen als „O-Ton-Kühe“ zu missbrauchen. Täglich erreichen unsere Redaktion an die 80 neue Meldungen, dazu kommen Zeitungen, Fachzeitschriften, Bücher u.a. Die Flut von Material erschwert den Überblick und die Arbeit der Einordnung.
 
 
Sie haben – nach der Katechetenausbildung – nebst Volkskunde und Religionswissenschaft auch Literatur studiert. Inwiefern beeinflusst Ihr Literaturstudium Ihre jetzige Arbeit für die Redaktion Religion?

Paradoxerweise habe ich im Literaturstudium am meisten Theologie betrieben. Kaum ein Dichter, der sich nicht mit Existenz- und Gottesfragen herumschlägt. Persönlich fühlte ich mich besonders Heinrich Heine, dem Meister der Ironie, zugetan. Wohl deshalb, weil auch Heine sein Leben lang mit seiner religiösen Prägung gerungen hatte. Dann waren natürlich auch der Pantheismus eines Goethe, der Nihilismus eines Nietzsche oder auch die „bodenständige“ Moraltheologie eines Gotthelf faszinierend. Die Literatur weitete meinen Blick. Etwas, das die Theologie nicht schaffte. Und die Literatur zeigte mir: Zweifeln ist spannender als Glauben! Auch im Alltagsjournalismus ist der Zweifel, die kritische Frage, die Basis einer guten Arbeit.
 
 
Die Kirchen werden immer leerer, die Gläubigen immer älter. Was macht die Kirche falsch? Wie sehen Sie persönlich die Zukunft der Kirche in Europa?

Die Kirchen geben „Nicht-Antworten“ auf gar nicht gestellte Fragen. Sie hören den Menschen nicht zu und überschütten sie mit leeren Worten oder Weisheiten, welche die Menschen nicht betreffen oder berühren. So reden sie etwa über die endzeitlichen Dimensionen der Erlösung oder der Seinsweise der Dreifaltigkeit – das interessiert aber niemanden. Was die Kirchen den Menschen predigen, wird nicht mehr verstanden. Wer versteht noch Wörter wie „Demut“ oder „Liebe“? Sie wurden von Theologen durch unentwegte Wiederholung längst zu leeren Hülsen gemacht.
Ich glaube nicht, dass die Zukunft der Kirchen in der Volkskirche liegt. Was sicher bleiben wird, sind neue Formen von Seelsorge und Austausch über den Glauben. Denn sowohl die Religiosität der Menschen als auch ihre Bedürftigkeit werden nicht verloren gehen.
 
 
Kommen wir zu Kontext, wo Sie aus dem Bereich Religion mitarbeiten. Was macht Kontext zu Kontext?

Es ist die kritische Hintergrundanalyse aus allen Themenbereichen – und dies mit relativ viel Sendezeit, nämlich 30 Minuten. Wir wollen Menschen begegnen, Fragen nach dem Wie und Warum stellen, neugierig bleiben: Warum haben manche Leute Schuppenflechten und andere nicht? Warum gibt es im multiethnischen Siebenbürgen keine kriegerischen Konflikte wie etwa in Ex-Jugoslawien? Unser etwas unbescheidener Anspruch ist, dass unsere ZuhörerInnen die Welt etwas besser verstehen.
 
 
Wie positioniert sich Kontext im Spektrum der religiösen Medien in der Schweiz? Welche Rolle möchten Sie spielen?

Der Kontext hat eine gute Position mit relativ hohen Einschaltquoten. Dies gilt namentlich auch für Sendungen mit religiös-kirchlichem Inhalt, welche knapp ein Fünftel aller Kontext-Sendungen ausmachen. Im Gegensatz zu den eng religiös definierten Medien, wollen wir Religion und Kirche mehr aus der Optik der gesellschaftspolitischen Bedeutung heraus beleuchten. Ein Beispiel: Im Kontext würde das persönliche Gebetsleben eines Bischofs nie Thema sein – dafür haben wir andere Sendegefässe. Wohl aber fragen wir nach den gesellschaftspolitischen Folgen, wenn die Bischöfe sich beispielsweise gegen die Sonntagsarbeit aussprechen. Oder anders: Kontext will nicht „Kirche am Radio“ sein, sondern gute Berichterstattung über das Fachgebiet Religion/Kirchen.
 
 
DRS2 hat allgemein eine tiefe Einschaltquote. Woran liegt das, und wie könnte man mehr ZuhörerInnen gewinnen?

Wir dürften sicher etwas selbstbewusster auftreten. Wir machen immer noch zu wenig Werbung für wirkliche Qualitätsprodukte wie etwa Kontext oder andere DRS2-Sendungen. Viele Leute haben DRS2 auch noch nicht „entdeckt“, wissen gar nicht, was dieser Sender alles an Perlen zu bieten hat. In Bezug auf andere Kulturradios, auch international, stehen wir allerdings gut da. Dass solche Programme wohl immer Minderheitsprogramme bleiben werden, damit muss man leben.
 
 
Interview: Susanne Hofer Tacchini

 
 
Urs Jecker (geb. 1957) stammt aus Laufen (BL) und ist seit 1988 Mitglied der Redaktion Religion bei Schweizer Radio DRS. Er arbeitet als Fachredaktor im Studio Bern für die Sendegefässe Kontext, Forum2, DRS2 aktuell, Doppelpunkt, z.B. sowie für die Abteilung Information. Urs Jecker war diplomierter Religionslehrer und studierte dann in Bern Volkskunde/Dialektologie, Literatur und Religionswissenschaft. Sein Studium schloss er mit einer Dissertation über Fronleichnam ab.
 
 
Kontext ist von Montag bis Freitag jeweils von 9.00 bis 9.35 Uhr auf DRS2 zu hören (WH: 18.30 Uhr). Kontext „Religion und Kirchen“ wird meistens am Donnerstag ausgestrahlt. Änderungen werden kurzfristig bekanntgegeben.