Der Freund

Emil schwärmt aus der Distanz für eine junge Sängerin – aussichtslos, wie es scheint. Doch plötzlich gilt er als ihr Freund, und zwar, als sie tot ist. So stolpert er in die Familie des Mädchens, das er gar nicht kannte. Seltsam distanziert findet er sich zwischen den Trauernden wieder, spürt die Spannungen, katalysiert Gefühlsausbrüche. Und ganz allmählich fühlt Emil sich zur Schwester der Toten hingezogen.

Eine reizvolle Idee, den Trauerprozess einer Familie mit der Identitätsfindung eines jungen Mannes zu kombinieren. Die Vorstellung, dass Emil „der Freund“ war, ist ein Strohhalm, an den sich vor allem die Mutter klammert, um nicht darüber nachdenken zu müssen, ob ihre Tochter vielleicht Suizid begangen habe. Und für Emil ist es der Strohhalm seines Lebens, denn plötzlich ist er jemand und wird gebraucht, kann sich eine Beziehungsvergangenheit erfinden, wird selbstbewusst. Die Figur der psychisch labilen Musikerin erinnert an Stefan Haupts „Utopia Blues“, der ebenfalls in Zürich spielte. Doch waren dort die jugendlichen Hauptfiguren noch Schüler. „Der Freund“ dagegen studiert, und seine Naivität und Unsicherheit wirken zuweilen so unzeitgemäss wie sein Name. Glaubwürdig und intensiv sind dagegen die Spannungen innerhalb der Trauerfamilie, die unverarbeiteten Erinnerungen, die Unfähigkeit, sich zur Seite zu stehen.

Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch

„Der Freund“, Schweiz 2008, Regie: Micha Lewinsky, Besetzung: Philippe Graber, Johanna Bantzer, Emilie Welti, Andrea Bürgin, Michel Voïta; Verleiher: Frenetic Films, Internet: http://www.frenetic.ch, Filmwebsite: http://www.derfreund.ch

Kinostart: 17. Januar 2008

„Der Freund“ wurde von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich finanziell unterstützt.

In Solothurn wurde „Der Freund“ mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet.
https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,3&meid=88653