Das Leben drehen
In den ersten Szenen des Films, in denen man Eva Vitija als kleines Mädchen sieht, das eine Wanderpause einlegt und dabei gefilmt wird, denkt man sich als Zuschauer noch nichts dabei. Man wundert sich nicht darüber, dass sie als Einzige im Bild ist, Eltern und Geschwister aussen vor bleiben. Schliesslich war es ein Film über ihr Leben, wie sie aus dem Off heraus erzählt, ein Geschenk zu ihrem 18. Geburtstag, das sie peinlich berührte. Dann folgt mehr privates Videomaterial und auch die restlichen Familienmitglieder rücken dabei ins Zentrum. Nur einer fehlt dabei immer: der Vater. Joschy Scheidegger, der Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor, steht beruflich vor, privat hinter der Kamera und irgendwie neben seiner Familie. Zu sehr damit beschäftigt, alle Lebenssituationen, und seien sie auch noch so banal, für die Ewigkeit festzuhalten. Eva Vitija und ihr Bruder fühlen sich lange Zeit nur als Statisten ihres Lebens, einzig wahrgenommen im Blick durch die Linse.
Als Erwachsene, nach dem Tod des Vaters, versucht Eva Vitija seiner Faszination für die Filmerei auf den Grund zu gehen. Sie kämpft sich durch Berge von Filmmaterial und erkennt dabei, dass es ihrem Vater nicht nur darum ging, jeden einzelnen Moment zu bewahren. Sondern die guten Momente den schlechten entgegenzusetzen. Die Wahrheit zu wählen, an die man glauben möchte. Eine sehr persönliche Familiengeschichte, die anrührt, nachdenklich stimmt und dafür an den diesjährigen Solothurner Filmtagen den «Prix de Soleure» gewann.
Sarah Stutte, Filmjournalistin
«Das Leben drehen – Wie mein Vater versuchte, das Glück festzuhalten», Schweiz 2015, Regie: Eva Vitija, Dokumentarfilm mit Joschy Scheidegger, Claudia Freund, Kaspar Scheidegger; Verleih: Filmcoopi, http://www.filmcoopi.ch; Filmwebsite: http://www.daslebendrehen.ch
Kinostart: 5. Mai 2016
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