Das journalistische Gewissen und Qualität im Journalismus
Im Frühling dieses Jahres wurde der Verein „Qualität im Journalismus“ gegründet. Nun hat er in einer Charta ethische und qualitative Leitlinien für Medienschaffende aufgestellt.
Der Wettbewerb auf dem Markt der Medienprodukte wird immer immer erbarmungsloser. Dabei wächst die Gefahr, dass im Kampf um Auflage und Quote die Skrupel auf der Strecke bleiben. Jüngstes Beispiel ist die Reportage zweier „Facts“-Journalisten, die auf der Basis eines zweifelhaften Buches einer ehemaligen Prostituierten über angebliche Bordellbesuche von Bundesrat Villiger spekulierten.
Was ist guter Journalismus? Der Verein „Qualität im Journalismus“, der von Vertreterinnen und Vertretern aus Journalismus, Verlagswesen, Wissenschaft und Ausbildung gegründet wurde, hat es sich zum Ziel gesetzt, die Debatte um diese Frage aktiv zu fördern. Seine Hauptaufgabe sieht der Verein „Qualität im Journalismus“ darin, Werkzeuge, Hilfsmittel und Verfahren zu entwickeln, um Qualität zu messen, zu fördern und zu sichern. Dabei stützt er sich auf die von ihm entworfene Charta „Qualität im Journalismus“ (siehe hier), die ethische und qualitative Leitplanken für Medienschaffende enthält. Doch er will nicht nur auf theoretischer Ebene die zunftinterne Debatte fördern, sondern auch eine Brücke zwischen Theorie und Praxis schlagen. Um die Umsetzung seiner Definition von Qualität zu ermöglichen, propagiert der Verein eine kontinuierliche Aus- und Weiterbildung auf der Basis professionellen journalistischen Handwerkes, eine sorgfältige Personalpolitik sowie eine Zusammenarbeit mit den Medienwissenschaften.
Die Charta soll anlässlich einer Tagung Ende Oktober verabschiedet werden.
„Medienqualität ist machbar“
Tagung des Vereins „Qualität im Journalismus“
Datum: Sonntag, 31. Oktober und Montag, 1. November 1999
Ort: Herzberg bei Frick (AG)
Auf dem Programm stehen Referate, Podiumsdiskussionen und Workshops unter Mitwirkung von Medienschaffenden aus Presse, Fernsehen und Wissenschaft
Kosten: 390 Fr (inkl. Kost und Logis)
Anmeldungen und Information: Qualität im Journalismus, Postfach 77, Villa Krämerstein, 6047 Kastanienbaum. Tel 041/340 36 36, Fax 041/340 36 59, E-Mail mazmail@swissonline.ch
Presserat plant Strukturänderung
Der Verein „Qualität im Journalismus“ wurde gegründet, um dem „Presserat des Schweizer Verbandes der Journalistinnen und Journalisten“ den Rücken zu stärken. Der Presserat ist das offizielle Selbstkontrollorgan zur Überwachung der Medienproduktion. Es liegt in seiner Verantwortung, aufgrund der „Erklärung der Rechte und Pflichten der Journalistinnen und Journalisten“ Verletzungen dieser selbstauferlegten Normen zu rügen. Allerdings verfügt der Presserat, um den Journalismus nicht der Staatsgewalt zu unterwerfen, über keine Sanktionskompetenz. An seiner Jahresmedienkonferenz Ende September hat der Presserat grundlegende strukturelle Veränderungen angekündigt. Voraussichtlich ab Ende Januar 2000 wird der neue Presserat zusätzlich vom Schweizer Syndikat Medienschaffender (SSM), von der Gewerkschaft „comedia“ sowie einem noch zu gründenden Verein von Chefredaktoren getragen sein. Diese und andere Massnahmen sollen dem Presserat zu einer grösseren Breitenwirkung verhelfen. Mit ihnen reagiert die Organisation auf Bestrebungen, die staatliche Fremdkontrolle der Medien zu intensivieren.
Charta „Qualität im Journalismus“
Fassung des Vorstandes vom 29. Juni 1999. Wird der Mitgliederversammlung vom 1. November 1999 zur Verabschiedung vorgelegt.
Die Medien leisten einen wesentlichen Beitrag zur unabhängigen Information, zur freien Meinungsbildung, zur demokratischen Auseinandersetzung, zur kulturellen Entfaltung und zur Identität unserer Gesellschaft. Sie erfüllen damit eine anspruchs- und verantwortungsvolle öffentliche Aufgabe. Guter Journalismus muss sich sowohl kritisch als auch selbstkritisch mit allen Entwicklungen auseinandersetzen, sich der permanenten Qualitätsdebatte stellen und konkrete Wege und Mittel finden, um die Qualität im Journalismus zu fördern und zu sichern. Dafür soll der Verein „Qualität im Journalismus“ im Geist und Sinne seiner Charta Forum, Koordinator und Initiator verschiedenster Aktivitäten sein. Im Verein „Qualität im Journalismus“ arbeiten Vertreterinnen und Vertreter aller im Journalismus involvierten Berufe, Bereiche und Funktionen gemeinsam für diese Ziele.
1. Qualität im Journalismus orientiert sich am Kodex „Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“ (beschlossen vom SVJ 1972, rev.1994) als ethischer Richtschnur.
2. Qualität im Journalismus benötigt Leitplanken. Dies bedeutet, dass Medienunternehmen Leitbilder formulieren, qualitative Standards und Ziele definieren und Redaktionsstatute schaffen, welche die innere Pressefreiheit garantieren und die Mitwirkungsrechte der Journalistinnen und Journalisten regeln.
3. Qualität im Journalismus erfordert eine solide Aus- und Weiterbildung. Journalistinnen und Journalisten werden an Universitäten, Fachhochschulen, Journalismusschulen und in Medienunternehmen professionell geschult und regelmässig weitergebildet, damit sie ihre Kompetenzen erneuern und erweitern können.
4. Qualität im Journalismus setzt auf individuelle Kompetenz. Medienunternehmen orientieren sich bei der Auswahl des Personals und bei der Personalführung an klar definierten Qualitätsstandards.
5. Qualität im Journalismus erfordert gute Arbeitsbedingungen und soziale Sicherheiten, die den beruflichen Anforderungen und der Verantwortung von Journalistinnen und Journalisten Rechnung tragen. Die Medienunternehmen bieten ihren redaktionellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine moderne Infrastruktur und Zugang zu allen relevanten Informationsquellen.
6. Qualität im Journalismus setzt die Beherrschung des journalistischen Handwerks voraus. Medienschaffende sind präzise in der Wahrnehmung und Wiedergabe. Sie achten auf eine gepflegte Sprache, vermeiden belastete und beleidigende Begriffe und bemühen sich um einen guten Stil.
7. Qualität im Journalismus heisst intensive Recherche. Medienunternehmen sorgen für die notwendigen Ressourcen und den zeitlichen Freiraum. Journalistinnen und Journalisten bereiten sich solide und sorgfältig vor, befragen umsichtig, unbefangen und hartnäckig und sind offen für jedwede Ergebnisse.
8. Qualität im Journalismus stützt sich auf zuverlässige Quellen. Journalistinnen und Journalisten überprüfen fragwürdige Informationen, machen Gegenproben und stellen Transparenz über ihre Quellen her, sofern sie nicht gefährdete Informanten schützen müssen.
9. Qualität im Journalismus bedingt Unabhängigkeit. Medienschaffende sind in ihrer publizistischen Arbeit vorrangig der Öffentlichkeit verpflichtet. Sie trennen deutlich redaktionelle Inhalte und Werbung, unterscheiden klar zwischen Journalismus und Public Relations und halten Bericht und Kommentar auseinander.
10. Qualität im Journalismus stärkt sich durch eine interne Kritikkultur. Dazu gehört, dass Verantwortliche Texte gegenlesen, Beiträge abnehmen und die Ergebnisse in der Blatt- oder Sendekritik analysieren, begutachten und diskutieren. Fehler, die Journalistinnen und Journalisten selber entdecken, berichtigen sie unverzüglich und aus eigenem Antrieb.
11. Qualität im Journalismus braucht externe Medienkritik. Die Medienverantwortlichen sorgen für die permanente journalistische Auseinandersetzung mit Medienunternehmen und Medienprodukten, auch aus dem eigenen Hause. Sie publizieren die sie betreffenden Stellungnahmen des Presserates und der Ombudsstellen und ziehen die notwendigen Konsequenzen.
12. Qualität im Journalismus schöpft aus neuen Erkenntnissen. Medienverantwortliche und Medienschaffende sind an der wissenschaftlichen Forschung interessiert und arbeiten mit ihr zusammen.
