Das Internationale Dokumentarfilmfestival Nyon 1999
Vom 19. bis 25. April fand das Internationale Dokumentarfilmfestival Nyon, das seit fünf Jahren den Titel „Visions du réel“ trägt, zum dreissigsten Mal statt. Mit 15´000 Eintritten konnte dieses Jahr erneut ein deutlicher Besucherzuwachs verzeichnet werden. Ein Rückblick auf das reichhaltige Programm.
Anlässlich ihres Besuches würdigte Bundespräsidentin Ruth Dreifuss in einer sympathischen Ansprache die erfolgreichen Erneuerungsbemühungen des jetzigen Direktors Jean Perret. Eine verdiente Anerkennung wurde auch den früheren Direktoren Moritz von Hadeln (1969-79) und Erika van Hadeln (1980-93) zuteil. Dabei erinnerte man sich an deren Programmierung eines vorwiegend politisch engagierten Dokumentarfilms und an die herausragenden Retrospektiven mit Filmen aus Armenien, Rumänien und dem Baltikum.
Die Zeit aufbewahren
Jean Perret ist laut seinem Vorwort im Festivalkatalog der Meinung, „dass eine der ersten Forderungen, die man heute an den Dokumentarfilm stellen müsste, die nach dem Aufbewahren der Zeit ist, ganz besonders im kreativen Dokumentarfilm. Im Gegensatz zu den grossen Strategien der kommerziellen Kommunikation, bei denen die Zeit fluchtartig davoneilt, sehen die Filmemacher des Wirklichen ihre Aufgabe vor allem darin, die Zeit zu bremsen, zurückzubehalten und mit Fragen und Überlegungen zu füllen“. Damit will Perret ein Kino des Suchens und Fragens stärken, das frei von überholten militanten und dogmatischen Ansätzen der demokratischen Auseinandersetzung dient. Es soll Gelegenheit geben, „dem Anderen zu begegnen in seiner brüderlichen Nähe und seinem unveräus-serlichen Anderssein“.
Reichhaltiges Programm
Insgesamt 112 Filme aus über einem Dutzend Ländern, aufgeteilt in sieben Sektionen, sorgten während sieben Tagen für ein Programm, das sowohl in formaler wie in inhaltlicher Hinsicht abwechslungsreich war. Sonderveranstaltungen galten der Österreicherin Lisl Ponger, dem in Amerika lebenden Schweizer Fotografen und Cineasten Robert Frank sowie der New Yorker Filmemacherin Jennifer Fox. Fox´s zehnteiliger Romanzyklus „an american love story“ wurde trotz seiner Länge zu einem besonderen Publikumsmagnet. Aus etwa tausend Stunden Videomaterial, das die unabhängige Filmemacherin während ihres fünfjährigen Zusammenlebens mit der amerikanischen Familie Sims gedreht hat, entstand der seit Jahren umfassensten Dokumentarfilm über das Privatleben einer Mittelstandsfamilie in den USA. Es ist eine wahrheitsgetreue Nacherzählung alltäglichen Lebens, die überzeugte und bewegte. Schweizer Fernsehen DRS wird im Laufe des Sommers die ganze Reihe ausstrahlen.
Starke Schweizer Präsenz
Mit dreizehn Filmen verteilt auf fünf Sektionen war die Schweiz in Nyon gut vertreten. In der Reihe „Séances spéciales“ kam der als bester Dokumentarfilm 1998 ausgezeichnete Film „Die Regierung“ von Christian Davi zu Ehren. „Der Duft des Geldes“ von Dieter Gränicher und „Schlagen und Abtun“ von Norbert Wiedmer, beide in den Deutschschweizer Kinos bereits programmiert, hatten ihren Platz in der Reihe „Les incontournables“. Hier war auch Patricia Plattners neuer Film „Made in India“ als Premiere zu sehen, in dem einige im Rahmen der SEWA („Self Employed Women Association“) organisierten Frauen im indischen Staat Gujarat portärtiert werden. Die Gewerkschaft SEWA kümmert sich um den Zusammenschluss, die Organisation und die Ausbildung von Frauen aus den untersten Kasten und lehnt sich dabei an die von Ghandi vertretenen politischen, wirtschaftlichen und moralischen Vorstellungen an. Die Autorin hat vor Ort mehrere Frauen in unterschiedlichen Arbeitssituationen begleitet und zeigt in überzeugenden Bildern, wie die Frauen langsam selbständig und selbstbewusst werden. Seine Premiere hatte im Rahmen des Wettbewerbs auch der Film „Vagliettti zum dritten“ von Alfredo Knuchel. Stellte der Regisseur schon in seinem drei Jahre zuvor gezeigten und preisgekrönten Film „besser und besser“ einen Familienvater als Verlierer in den Mittelpunkt, so widmet er sich jetzt mit der Annäherung an das Leben des Amateurboxers Stefano Vaglietti noch einmal der Frage, wie sich ein Geschlagener und Verlierer wieder hochrappeln kann. Vaglietti, 1989 und 1991 zweifacher Schweizermeister im Superschwergewicht, hat seine schwersten Niederlagen ausserhalb des Rings einstecken müssen (Drogensucht, gestörte Elternbeziehungen, Prozess wegen Anklage der Vergewaltigung), doch er will sich nicht unterkriegen lassen. Knuchel vermeidet jede Verurteilung seines Protagonisten und zeigt mit grossem Respekt, sensibel und doch spannend nahe an der Realität, wie Vaglietti trotz Rückschlägen sein Ziel, ein drittes Mal Schweizer Meister zu werden nicht aus den Augen lässt. Jeanne Berthoud präsentierte in der Reihe „Regards neufs“ den Film „Darf ich mal schreien“ über eine 1998 im Shoppyland Schönbühl-Bern pressewirksam inszenierte Hochzeit. Ihre respektvolle Haltung gegenüber den Protagonisten und die subtile Art, die Geschichte, die auch als Realsatire erlebt werden kann, kohärent und mit grosser Genauigkeit zur Darstellung zu bringen, hat die Jury dieser Sektion bewogen, den Film mit dem Nachwuchspreis des Kantons Waadt auszuzeichenen.
Jüdische Schicksale
Drei Filme bewegten sich im Umfeld der nuklearen Katastrophe, die sich 1986 in Tschernobyl ereignet hat. Einer davon, „Pripyat“ des Österreichers Niklaus Geyrhalter, der in nüchternen und beklemmenden schwarz-weiss Bildern eine vom Tod überschattete Atmosphäre spiegelt und damit Raum für persönliche Betroffenheit schafft, erhielt ex-aequo einen Preis der Télévision Suisse Romand (TSR) und den Preis der Publikumsjury. Ein Film über jüdische Schicksale erhielt zudem den Preis der Jugendjury: „La chaconne d´auschwitz“ von Michel Daeron (Frankreich) beginnt an einem Strand, wo Hélène erzählt, wie sie bei ihrer Ankunft im Konzentrationslager für das Orchester ausgewählt und gerettet wird, während ihr jüngerer Bruder verloren ist. Nach und nach bezeugen zehn weitere Frauen diese sowohl rettende wie schreckliche Auswahl, die sie in gewisser Weise zur Kollaborateuren am Verblendungswerk der Nazis werden liess. „Erst nach zwei Generationen ist die Zeit gekommen, sich an das Unvorstellbare zu erinnern und Fragen zu stellen“ gibt eine der Frauen ihrem Schuldgefühl Ausdruck.
„Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ stehen im Film von Volker Koepp (Deutschland) im Mittelpunkt, zwei Menschen in Czernowitz, einer Stadt im Osten der Ukraine, wo sie zu den letzten dort geborenen Juden zählen. Czernowitz war das Zentrum der jüdischen Kultur in der Bukowina und gehörte bis zum ersten Weltkrieg zum Kaiserreich Österreich-Ungarn, dann zu Rumänien, nach dem Hitler-Stalin-Pakt für ein Jahr zur Sowjetunion, bevor die Rumänen und die Deutschen wieder einfielen. Und schliesslich wurde es wieder der UdSSR angeschlossen. Die Hälfte der Bevölkerung war jüdisch und wurde 1941 in Lager deportiert. Diese Geschichte bildet den Gesprächstoff der beiden Hauptpersonen, die sich jeden Abend treffen, um ihre Kenntnisse der deutschen Sprache weiterzupflegen. Sie unterhalten sich über ihre Erinnerung und die enormen Schwierigkeiten des materiellen Lebens heute. Dabei komme ihre Persönlichkeiten auf sehr typische und gelegentlich komische Weise zum Ausdruck. Während Frau Zuckermann einen unverbesserlichen Optimismus verkörpert, ist Herr Zwilling ein eingefleischter Pessimist. Die internationale Jury, die diesem Film den grossen Preis UBS zuerkannte, drückte damit die Meinung aus, dass diese Art des Dokumentarfilms besonders geeignet sein dürfte, den Weg in die Kinos zu finden.
Hans Hodel
Filmbeauftragter des Evangelischen Mediendienstes
