Das Deckelbad – Die Geschichte der Katharina Walser
Im Untertitel «Die Geschichte der Katharina Walser» liegt der Fokus des Films, der sich an einem authentischen Familienschicksal orientiert: Eine ausländische Bergbäuerin sucht ihr Glück in der Schweiz und kämpft beherzt gegen zahlreiche Widerstände und eine scheinbar endlose Behördenwillkür an. Als Katharinas ältester Sohn bei einem Unfall stirbt, gerät ihr Leben aus den Fugen: Die Gemeinde nimmt ihr die Kinder weg und weist sie in die Psychiatrie ein.
Anders als vom Haupttitel leicht irreführend suggeriert, werden die fragwürdigen Psychotherapien, die in den 30er-Jahren angewandt wurden, nicht ausführlich behandelt: Nur kurz wird eine so genannte «Schockkur» mit Stromschlägen angedeutet. Und im Deckelbad liegend und leidend ist Katharina auch nur wenige Male zu sehen. Weder auf diese Zwangsmassnahmen noch auf die schliesslich vorgenommene Lobotomie und Sterilisation geht der Film näher ein. An anderen Stellen gibt es dafür Längen, deren Sinn sich nicht erschliesst. Ferner könnten die Handlung und gewisse Figuren zuweilen greifbarer sein. Trotzdem berührt das Schicksal der Protagonistin. Der Film besticht mit raffiniert eingesetzter uriger Musik und einer innovativen und wuchtigen Bildersprache. Regisseur Kuno Bont ist vor allem zu Gute zu halten, dass er sich eines brisanten Themas angenommen hat, das bisher tabuisiert worden ist.
Thomas Schüpbach, Pfarrer ref. Kirchgemeinde Zürich-Sihlfeld*
pfarramt@sihlfeld.ch
«Das Deckelbad», Schweiz 2014, Regie: Kuno Bont; Besetzung: Simona Specker, Gian Rupf, Hans-Peter Ulli; Verleih: Ascot Elite Entertainment Group, Internet: http://www.ascot-elite.ch; Filmwebsite: http://www.dasdeckelbad.com
Kinostart: 23.04.2015
*Thomas Schüpbach ist Mitglied im reformierten Arbeitskreis Kirche und Film. In loser Folge schreiben Pfarrpersonen und kirchliche Mitarbeitende aus dem Arbeitskreis Filmtipps.
