Dancer in the Dark

An den Grenzen des Erzählkinos realisiert Lars von Trier ein Musical-Melodrama, das allen Konventionen zuwiderläuft. Die isländische Sängerin Björk verkörpert eine in die USA eingewanderte Arbeiterin, die aufgrund einer Erbanlage erblindet und alles daran setzt, ihrem Sohn das gleiche Schicksal zu ersparen. Der soziale Realismus im Stil des Cinéma vérité wird kontrastiert durch ungewöhnliche Musicalszenen. Die emotionale Kraft des Filmes provoziert ebenso viel Begeisterung wie Ablehnung.

Eine Frau in der Isolationshaft. Selma weiss, dass sie zum Tode verurteilt ist und leidet unter einem schrecklichen Dilemma. Entweder benutzt sie ihr schwer verdientes Geld für die Augenoperation ihres Sohnes oder sie bezahlt damit einen Anwalt, der das Berufungsverfahren einleitet. Es gibt keine Lösung für dieses Dilemma. Doch am meisten leidet Selma in ihrer Zelle unter der Abwesenheit von Geräuschen. Sie selbst ist fast erblindet und das einzige was ihr bleibt ist die Musik des Alltags, Geräusche und Rhythmen. Sie klammert sich am Gitter des Lüftungsschachtes fest und lauscht gierig nach Lebenszeichen von anderen Gefangenen. Leise beginnt sie zu singen. Das musikalische Leitmotiv des Films zerfällt in Einzelstücke, doch die Montage führt die Fragmente wieder zusammen. Beine, Körper, Kopf , Hände und Gegenstände gleiten aufeinander zu. Der musikalische Tanz der Bilder versucht die existentielle Not aufzufangen. Die isländische Sängerin Björk ist identisch mit Selma, mit ihrem Leiden, eine Tänzerin im Dunkel der Seele.

Lars von Trier ist ein tiefsinniger Provokateur, der mit seinem Filmschaffen gegen den Strich immer auch für Irritation sorgt. Er verknüpft in «Dancer in the Dark» eine Geschichte über die Todesstrafe einer Fabrikarbeiterin mit dem leichtfüssigen Genre des Musicals. Doch «Dancer in the Dark» geht über den Versuch eines Musicals weit hinaus. Der gestalterische Gegenpol sind die Alltagsszenen: das Leben der alleinerziehenden Mutter Selma (Björk), die in einem Presswerk für Metallwannen arbeitet, ihr karges Leben im Wohnwagen und ihre Proben für ein Amateur-Musical mit Unterstützung ihrer Arbeitskollegin Kathy (Catherine Deneuve). Diese Welt ist konsequent im Stil der bewegten Handkamera gestaltet. Sie vermittelt eine Direktheit und Authentizität, die Kameramann Robby Müller bereits in «Breaking the Waves» (1986) umgesetzt hat. Im Gegensatz zu den Tanzszenen setzt von Trier in diesen Teilen des Films auf sozialen Realismus, auf die Eindringlichkeit der Bilder und die Ausweglosigkeit der Situation. Die Qualität des Films liegt in seiner Widersprüchlichkeit und in der inneren Spannung. Damit schafft Lars von Trier zusammen mit der Komponisten und Interpretin Björk sowohl abgrundtiefe Irritationen als auch unvergessliche Kinomomente.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch

Regie: Lars von Trier
Dänemark, Schweden, Frankreich 2000
Eine ausführliche Kritik zu “Dancer in the Dark” finden Sie im Medienheft.