„come eravamo – so waren wir“
Wenn vom Film, genauso wie vom Buch, gesagt wird, er sei das Gedächtnis der Welt, so gilt dies insbesondere für den Dokumentarfilm. Wie kein anderes „Medium“ ist er fähig, die gesellschaftlichen Realitäten, das Lebensgefühl und den Zeitgeist einer Epoche für die Zukunft zu dokumentieren. Auf diesem Hintergrund verdient das Projekt der Dokumentarfilmreihe „come eravamo – so waren wir“ der drei Fernsehanstalten der SRG SSR idée suisse grösste Beachtung. Es wurden 14 der wichtigsten Schweizer Dokumentarfilme aus den Jahren 1960 bis 1980 restauriert, die in diesem und im nächsten Jahr in neu untertitelten Fassungen in allen Sprachregionen ausgestrahlt werden.
Die Jahre zwischen 1960 und 1980 waren auch in der Schweiz gezeichnet durch heftige bis stürmische gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen, die sich in bestimmten Themenkreisen kristallisierten: Fremdarbeiter und „Überfremdung“, die Studentenrevolte von 1968 und die Zürcher Jugendunruhen von 1980, Feminismus und Frauenpolitik, Behinderte, Dritte Welt, Umweltprobleme, Friedensbewegung, Widerstand gegen AKWs, Beginn der Aufarbeitung der CH-Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg etc. Die Dokumentarfilmschaffenden beteiligten sich an diesen Diskussionen, brachten sie teilweise sogar in Gang. Ihre Filme setzten sich mit der Realität auseinander, griffen virulente Themen auf oder hoben Verdrängtes ins Bewusstsein. Weil sie sich in die „eigenen Angelegenheiten“ unseres Landes einmischen wollten, galten sie vielen als Störenfriede und Nestbeschmutzer. In der heutigen Konsum- und Spassgesellschaft wirken diese Werke mit ihrem gesellschaftlichen Engagement, ihrem moralischen Impetus und ihrem Mut zu formalen Experimenten wie erratische Blöcke aus einer fernen Zeit, obwohl diese erst dreissig bis vierzig Jahre zurückliegt.
Einen Schritt auf dem Weg zu einem „nouveau cinéma suisse“ zu tun, sei seine Absicht gewesen, erklärte Alain Tanner, der Mitbegründer des britischen „free cinema“, 1964 bei der Premiere von „Les Apprentis“, seinem ersten langen Film. Er holte Lehrlinge, die im Kino bisher kaum je Beachtung gefunden hatten, vor die Kamera, liess sie selbst zu Wort kommen und von ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen erzählen. Tanner arbeitete später nicht als Dokumentarfilmer weiter, sondern wurde als Spielfilmautor einer der bekanntesten Repräsentanten des neuen Schweizer Films. Die Produzenten des Films, Walter Marti und Reni Mertens, gehören ihrerseits zu den wichtigsten Pionieren des Schweizer Dokumentarfilms. Im gleichen Jahr kam „Siamo Italiani“ von Alexander J. Seiler, Rob Gnant und June Kovach ins Kino und mischte sich in das seit einiger Zeit virulente „Fremdarbeiterproblem“ ein: Der boomenden Wirtschaft dienten über eine halbe Million Italiener als willkommene Arbeitskräfte, während sie als Menschen mit Bedürfnissen von einem grossen Teil der Bevölkerung als Fremdkörper und Gefahr wahrgenommen wurden. Der Film gab den Arbeitern aus dem Süden eine Stimme und informierte über ihre unwürdigen Lebensbedingungen. Das mit den Mitteln des „direct cinema“ gestaltete Werk beeinflusste eine ganze Generation von Dokumentarfilmschaffenden.
Ein grosser Wurf war 1974 Fredi M. Murers „Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind“. Das weitausholende, ruhige und eindringliche Werk schildert nicht nur den Alltag von Bergbauern aus drei Urner Bergtälern mit seinen beschwerlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, sondern spürt auch dem in der Sagenwelt und im Unheimlichen wurzelnden magischen Lebensgefühl nach. Dieser Film über ein schweizerisches „Entwicklungsgebiet“ ist ein bedeutendes volkskundliches, gesellschaftspolitisches und menschliches Dokument. Standen bei Murer Bergbauern im Mittelpunkt, so stellten 1975 Hans Stürm, Mathias Knauer und Nina Stürm in „Ein Streik ist keine Sonntagsschule“ Arbeiter ins Zentrum. Im Juni 1974 streikten – in der Schweiz damals ein äusserst seltenes Ereignis – die Arbeiter einer Bieler Pianofabrik, weil ihnen die Firma den im Schreinereigewerbe vereinbarten 13. Monatslohn nicht zahlen wollte. Ebenso engagiert wie sachlich dokumentierte der Film den Streikverlauf und die dabei gemachten Erfahrungen der Beteiligten. Dadurch gelang es ihm, der Vielschichtigkeit einer umstrittenen sozialpolitischen Frage gerecht zu werden.
Richard Dindos „Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.“ gehört zu den umstrittensten Schweizer Filmen überhaupt. Rekonstruiert wurde das Leben von Ernst S., der 1942 als erster von insgesamt 17 Soldaten während des Zweiten Weltkrieges als Landesverräter hingerichtet wurde, während führende Persönlichkeiten aus Regierung, Militär und Industrie trotz offener Sympathie für die Nazis ungeschoren blieben. Der Film, an dem Niklaus Meienberg wesentlichen Anteil hatte und der sich als Beitrag zur Korrektur der offiziellen Geschichtsschreibung verstand, wurde heftig angegriffen, der Bundesrat verweigerte ihm entgegen dem Antrag der zuständigen Kommission eine Qualitätsprämie. Dieser Film steht am Beginn einer – von den Meinungsträgern dieses Landes zu wenig als Chance genutzten – kritischen Auseinandersetzung über eine Zeit, für deren „Bewältigung“ die Schweiz Jahre später schmerzhaft zur Kasse gebeten wurde.
In eine vorerst scheinbar heile Welt führte 1978 „Kleine Freiheit“, worin Hans-Ulrich Schlumpf Freizeitbastler porträtierte und ihnen die Zerstörung des Schrebergartenareals „Herdern“ im Zürcher Limmattal gegenüberstellte, durch die das Lebenswerk vor allem alter und minderbemittelten Menschen vernichtet wurde. Dem vielschichtigen Dokumentarfilm gelang es, mit ausserordentlich dichten Bildern die Funktion der Freizeitbeschäftigung als Mittel zur Selbstfindung und Flucht aus der Entfremdung zu belegen. Er gehört zu jenen besten Beispielen des Schweizer Dokumentarfilms, die mit Respekt, unter Wahrung der Würde der Porträtierten und mit eigenständigen formalen Lösungen die Probleme und Anliegen von so genannten „kleinen“ Leuten, Aussenstehenden und Randgruppen ans Licht der Öffentlichkeit holten.
Franz Ulrich
Die Filme und ihre Sendezeiten:
18. Juli, 19.55 Uhr, SF2: „Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.“ (1976) von Richard Dindo
25. Juli, 19.55 Uhr, SF2: „Kleine Freiheit“ (1978) von Hans-Ulrich Schlumpf
25. Juli, 23.10 Uhr, SF1: „Ein Streik ist keine Sonntagsschule“ (1975) von Hans Stürm, Mathias Knauer, Nina Stürm
1. August, 20.00 Uhr, SF2: „Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind“ (1974) von Fredi M. Murer
1. August, 22.45 Uhr, SF1: „Siamo Italiani“ (1964) von Alexander J. Seiler, Rob Gnatn, June Kovach
8. August, 22.50 Uhr, SF1: „Les Apprentis“ (1964) von Alain Tanner
