Closed Country
Die Kinder zweier jüdischer Flüchtlingsfamilien, von denen die eine 1942 routinemässig aus der Schweiz abgeschoben, die andere durch eine seltsame Fügung aufgenommen wurde, werden mit dem Mann konfrontiert, der für die Überwachung des betreffenden Grenzabschnitts zuständig gewesen ist. Eine Coda zur Aufarbeitung schweizerischer Vergangenheit.
Schlepper hatten sie über die Schweizer Grenze gebracht, und in einem Taxi, das sie selber bezahlen mussten, wurden sie zurückgefahren und ins besetzte Frankreich ausgeschafft, wo ihnen die Deportation drohte. Dass der damals 11-jährige Charles und die 15-jährige Sabine Sonabend im Gegensatz zu ihren Eltern den Holocaust überlebten, ist einem Zufall zu verdanken. Charles Sonabend ist eine der fünf Personen, die 1996 durch eine Sammelklage gegen Schweizer Grossbanken die Diskussion über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ausgelöst haben. Dies wussten Kaspar Kasics und der Historiker Stefan Mächler noch nicht, als sie im Sommer 1994 mit den Vorarbeiten zu ihrem Film begannen. Die beiden Filmautoren versichern, es sei ihnen nie darum gegangen, in die allgemeine Polemik gegen die damaligen Behörden einzustimmen. Sie hätten sich einfach dafür interessiert, wie die betroffenen Menschen mit den Ereignissen um-gegangen seien – sowohl die Flüchtlinge als auch die ausführenden Beamten.
Einer von diesen ist Fritz Straub, der damals als Sektoroffizier den Grenzabschnitt überwachte, über den die beiden Familien kamen, deren Kinder im Film als Zeugen auftreten. Neben den Sonabends sind dies Max, Gaston und Fanny Popowski, deren Familie es einem kuriosen Zufall verdankt, dass sie nicht zurückgewiesen wurde: Als sie eintraf, war Polizeichef Dr. Heinrich Rothmund persönlich dabei, seine Leute zu inspizieren. Und er brachte es nach eigenen Aussagen der Kinder wegen nicht übers Herz, die Familie zurückzuschicken. Straub erklärte sich bereit, den Flüchtlingskindern von damals heute gegenüberzutreten, ihre Fragen zu beantworten und seine eigene Haltung zu erläutern. So erfahren die Opfer von einst vor laufender Kamera Einzelheiten und Hintergründe ihres Schicksals, die ihnen bislang verborgen waren. Dies verleiht der beschworenen Vergangenheit über die Jahrzehnte hinweg eine neue Aktualität.
Als weitere Zeitzeugen brachten die Filmautoren die Witwe von Rothmunds „rechter Hand“ sowie eine Nonne vor die Kamera, in deren Kloster die Sonabend-Kinder vorübergehend untergebracht worden waren. In den meisten Fällen klaffen die Meinungen so weit auseinander wie eh und je. Umso mehr ist zu bedauern dass die herausgegriffenen Vorfälle nicht in den biographischen Zusammenhang der betroffenen Personen gestellt wurden. Trotzdem setzt „Closed Country“ einen frischen Akzent in die respektable Reihe filmischer Aufarbeitungen der Aktivdienstzeit.
Gerhart Waeger
„Closed Country“, Schweiz 1999, Regie: Kaspar Kasics
Diese Kritik ist erschienen in FILM, der Schweizer Kinozeitschrift.
Film des Monats April 2000
