Class Enemy

Die Schüler sind verunsichert: Der neue Deutschlehrer ist nicht nachsichtig wie die ehemalige Lehrerin; er lacht nie, und er spricht Schwächen schonungslos an. Als eine unscheinbare Schülerin – kurz nach einem Gespräch mit dem Lehrer – Suizid begeht, wirft das die Jugendlichen aus der Bahn. Der Lehrer versucht, ihnen über die Literatur zu helfen, stösst aber auf Ablehnung und Hass, denn die Klasse ist überzeugt von seiner Schuld.

Dem slowenischen Regisseur Rok Biček gelingt es in seinem brillanten Spielfilmdebüt, auch dank den überzeugenden Schauspielern, keine Schuldzuweisungen zu machen oder die Sympathien eindeutig auf eine Seite zu ziehen. Die Kamera ist immer sehr nahe an den Gesichtern; trotzdem, so wird einem bewusst gemacht, vermögen weder die anderen Figuren noch die Zuschauer, in ihr Innerstes vorzudringen. In den langen Korridoren, den neutralen Räumen des Schulhauses lenkt nichts von den Menschen ab, und zugleich wird durch das Setting die Einsamkeit jedes Einzelnen spürbar.

Die Unfassbarkeit eines Suizids für die Hinterbliebenen, ihre Hilflosigkeit, ihre unlösbaren Fragen nach Schuld und Gründen – all das bringt Biček auf eine vielschichtige und äusserst ergreifende Weise ein. Der Film ist zugleich eine präzise Studie, wie sich aus Unsicherheit und einem Gerücht eine bedrohliche Eigendynamik entwickeln kann, die sich nicht mehr stoppen lässt.

Andrea Lüthi, Kulturjournalistin
andrea.luethi@medientipp.ch

Kinostart: 4. September