Clara Sola

«Gott hat sie mir so gegeben, so nehme ich sie an», erklärt Doña Fresia und erstickt weitere Diskussionen über eine Wirbelsäulenoperation an ihrer Tochter Clara im Keim. Die vierzigjährige Clara wird nicht gefragt, obwohl sie sichtlich unter ihrer schweren Skoliose leidet. Clara lebt in ihrer eigenen, mystischen Welt. Sie kann besser mit Tieren als mit Menschen, fühlt sich in der üppig-wilden Natur zuhause.

Für Doña Fresia ist Claras geistige und körperliche Andersartigkeit eine göttliche Gabe. Bei den Nachbarn im ruralen Costa Rica hat Clara einen Heiligenstatus. Doña Fresia nutzt dies ökonomisch: Wer Heilung oder Beistand sucht, lässt Clara gegen Bares für sich beten.

Claras Bewegungsradius ist eng, sie wird dauernd überwacht. Die extreme Fürsorge erstickt sie fast. Das Korsett, in das sie von ihrer bigotten Mutter gezwängt wird, steht sinnbildlich für Claras lustfreies, beengtes Leben. Als «Heilige» soll sie rein bleiben. Für Sexualität hat es keinen Platz, dafür sorgt die Matriarchin. Aber als der neue Pferdepfleger Santiago auf dem kleinen Familienhof auftaucht, beginnt sich Clara zu emanzipieren.

In «Clara Sola» gelingt es Nathalie Álvarez Mesén, auf wunderbar sinnliche Weise aufzuzeigen, wie die weibliche «Natur» jahrhundertelang vom Patriarchat mithilfe der Religion unterdrückt worden ist. Wendy Chinchilla Araya spielt die Titelrolle mit unglaublicher Intensität. Claras eindrückliche Selbstfindung verdeutlicht, dass die Emanzipation aus konservativen Strukturen immer noch ein langwieriger und schmerzhafter Prozess ist.

Natalie Fritz, Religionswissenschaftlerin und Redaktorin Medientipp

«Clara Sola», Costa Rica 2021; Regie: Nathalie Álvarez Mesén; ProtagonistInnen: Wendy Chinchilla Araya, Daniel Castañeda Rincón, Flor María Vargas Chavez; Verleih: Trigon; Filmwebseite: https://www.trigon-film.org/de/movies/clara_sola

Ab 17. März 2022 im Kino