C’était hier
Die Westschweizer Ortschaft Lucens wird 1937 Streckenabschnitt der Tour de Suisse. Als Favorit gilt Leo Amberg. 70 Jahre später lässt die Regisseurin Jacqueline Veuve die Kinder von damals erinnern und kramt wunderbare Schwarz-Weiss-Dokumente hervor. So bildet die Tour de Suisse nur den groben Rahmen, der etappenweise die Darstellung gesellschaftlicher und sozialer Hintergründe von Lucens umgibt. Mit jeder Etappe, mit welcher Amberg mehr ins Hintertreffen gerät, verdüstern sich auch die Erinnerungen der Zeitzeugen. Heben sie anfänglich noch positive Erlebnisse wie Aktivitäten im Turnverein, Spiele in der Gemeinschaft und wohltätige Aktionen der Patrons hervor, so dringen zunehmend Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise durch: Harte, monotone Arbeit in den Fabriken, schlechte Entlöhnung, strenge Patrons, Hunger und Knappheit von Brennholz als Merkmale der Zeit. Bloss die Tatsache, dass mit Karl Litschi zum ersten Mal ein Schweizer die Tour de Suisse für sich entschied, scheint als kleiner Lichtblick in der Dunkelheit.
Jacqueline Veuve gelingt eine eindrückliche Darstellung einer kollektiven Reminiszenz, die von ganz unterschiedlichen Perspektiven lebt und Kinderarbeit, Geschlechterrollen und soziale Unterschiede ebenso ins Blickfeld rückt, wie Vergnügen und Spektakel. Lediglich der Einbezug des Zweiten Weltkriegs und der Bau des Atomkraftwerks von 1963 stören die historiographische Kohärenz dieses Dokumentarfilms.
Thomas Signer, Praktikant Medientipp
«C’était hier», Schweiz 2010, Regie: Jacqueline Veuve, Besetzung: Charlie-Rose Buttet, René Cornuz, Maurice Gasser; Verleih: JMH Distributions SA, http://www.jmh-distribution.ch, Filmwebsite: http://www.cetaithier-lefilm.ch
Kinostart: 23. Juni 2011
