Ça commence aujourd´ hui
Der idealistische Daniel Lefebvre leitet eine Kleinkinderschule und meistert den schwierigen Alltag in einer von Arbeitslosigkeit geprägten Region. Taverniers Sozialdrama ist ein Plädoyer für menschliche Lebensbedingungen am Rande der Gesellschaft. Der Film ist Preisträger der ökumenischen Jury am Filmfestival Berlin.
In Frankreich gibt es ein staatliches System der Früherziehung, das über unsere Kindergärten weit hinausreicht. Die „école maternelle“ betreut Kinder von zwei bis sechs Jahren in einem vollständigen Tagesablauf. Während mindestens sechs Stunden pro Tag fördern Pädagogen und Pädagoginnen die sozialen, sprachlichen und kreativen Fähigkeiten der Kinder. Bertrand Tavernier situiert seine Geschichte in Valenciennes – in dem von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Norden Frankreichs – und erzählt mit kämpferischem Pathos vom Alltag des Schuldirektors Daniel Lefebvre (Philippe Torreton) und seinen Begegnungen mit Menschen, die ihr Leben in der „quart monde“ verbringen, im Schatten der Leistungsgesellschaft. Einfache, aber auch erschütternde „faits divers“ sind der Ausgangspunkt des Drehbuchs (Dominique Sampiero, Tiffany Tavernier), etwa das Gespräch zwischen Lefebvre und einer Mutter, die das Schulgeld von 30 Francs nicht bezahlen kann, weil sie damit bis zum Ende des Monats ihre Familie ernähren muss. Lefebvres Kampf gegen die Resignation der Eltern, die Ignoranz der Sozialfürsorge und den engen finanziellen Spielraum endet nicht in der absehbaren Ohnmacht, sondern in einem optimistischen Gemeinschaftserlebnis, das die Solidarität im Quartier aufleben lässt.
Ça commence aujourd´ hui“ ist mit dem Anspruch einer Sozialreportage ausgestattet. Nüchtern wird hier Fiktion erzählt, in kalten, unspektakulären Bildern, die dennoch zu Tränen rühren. Wie Lefebvre an alle Orte im Schulgelände gerufen wird, wo es Probleme zu lösen gilt, und möglichst überall sein sollte, so springt der Film von einem Kind zum nächsten, von einer Momentaufnahme zur anderen. Alltagsgeschichten werden in Bruchstücken erzählt, bleiben offen oder finden erst später ihre Fortsetzung. Philippe Torreton verkörpert den Vorschuldirektor höchst glaubwürdig. Gemeinsam mit der überzeugenden Leinwandpräsenz von Nadia Kaci als Krankenschwester vom Jugendamt und Maria Pittarresi, welche die Lebensgefährtin und Künstlerin Valéria darstellt, ist die schauspielerische Leistung der Equipe derart überzeugend, dass sie die mäandrierende Spielfilmhandlung durchträgt.
Mit seinem sozial-realistischen Setting und seinem unzeitgemässen liberal-humanistischen Anspruch ist dieser Film stilistisch wohl am Nächsten bei Tavernier´s „Des enfants gâtés“ (1977). Die Reduktion auf das Wesentliche ist es auch, die diesen Film krasser erscheinen lässt als etwa „L´Appât“ (1995). Die sozialen und seelischen Grausamkeiten werden hier nicht gezeigt, sondern kommen erst in der Vorstellung des Publikums zur Entfaltung. In den starken Momenten gelingt Tavernier sehr dichte, fiktionalisierte Alltagsbeobachtung. Der Film verbindet die Sozialreportage mit lyrischer Sprache und Naturbetrachtung. Damit wird er zu einem poetischen Plädoyer für menschliche Lebensbedingungen am Rande der Gesellschaft.
Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
Ça commence aujourd´ hui, Frankreich 1999, Regie: Bertrand Tavernier
Film des Monats November 1999
