„Bruder Jesus“ und „Big Brother“
Vor Ostern empfiehlt es sich für Religionslehrerinnen und Religionslehrer, den Vorrat an Videokassetten wieder aufzufüllen, denn die Fernsehanstalten bringen dann Bibelfilme im Multipack – Monumentalfilme und Eingängiges im Hauptprogramm, Kritisches und Experimentelles in den Spartenkanälen und zu nächtlicher Stunde. Mit Bibelfilmen lassen sich im Religionsunterricht Nerven sparen, denn die Kids ziehen lieber einen Film rein, als selber Bibeltexte zu bearbeiten. Auch unter Erwachsenen dürfte die Fernsehgemeinde grösser sein als die Zahl jener, die zur Kirche gehen, um dort biblische Lesungen zu hören. Vom TV-Sessel aus lässt sich bequemer und auch unverbindlicher am Leben, Leiden und Sterben Jesu teilnehmen als auf harten Kirchenbänken. Und wenn der Film nicht überzeugt, genügt ein Knopfdruck, um das Programm zu wechseln: von Bruder Jesus zu „Big Brother“. Aber die positiven Seiten von Bibelfilmen am TV sind nicht zu unterschätzen: Bilder und Geschichten prägen sich ein, schaffen Zusammenhänge, vermitteln Wissen und Denkanstösse: Sind die Wunder blosse Filmtricks oder Darstellung des Göttlichen? So gelingt dem Medium Fernsehen, was den Kirchen heute schwer fällt: Interesse wecken, zeigen, dass die Bibel ein spannendes Buch ist, die Fragen nach Gott und nach Jesus in den Alltag des eigenen Wohnzimmers bringen. Allerdings: Bibelfilme machen weder Religionslehrer noch Pfarrerinnen überflüssig. Sie können beispielsweise unterscheiden helfen zwischen kitschigen Bibelklamotten und kreativen Versuchen, die alten Texte in heutige Bildersprache zu übersetzen. Darüber hinaus sollen die Kirchen auch darauf hinweisen, dass die Bibel nicht primär auf blosse Zuschauer aus ist, sondern auf Menschen, die sich – wie die grossen biblischen Frauen und Männer – für eine gerechte und lebensfreundliche Welt einsetzen.
Daniel Kosch
Bibelpastorale Arbeitsstelle
(Dieser Text erscheint auch als Gastkommentar in der TV-Zeitschrift „Tele“)
