Berlinale 2006 – Sehr Privates und hoch Politisches

Die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić erhielt für ihren Film „Grbavica“ an den 56. Filmfestspielen Berlin (9.–19. Februar) den Preis der Ökumenischen Jury. Mit „Komonrik“ und „Conversations on a Sunday Afternoon“ wurden zwei weitere Filme ausgezeichnet, die politische Fragen aufwarfen.

Die Tagespresse gab sich – wie immer – von der Vergabe der Preise überrascht. In der Tat erstaunt, dass der heimliche Favorit unter Kritikerinnen und Cineasten, die leise Tragödie „Sehnsucht“ von Valeska Grisebach, leer ausging. Es war einer derjenigen Filme, die im Privaten angesiedelt sind: Ein glücklich verheirateter Mann verliebt sich in eine andere und wird in seinem bislang wohl geordneten Leben verunsichert. Die Fragilität von Glück und die Frage nach Beziehungs(un)fähigkeit standen nicht nur in diesem Wettbewerbsbeitrag im Zentrum. So befasste sich der wohl irritierendste Film, „Der freie Wille“ von Matthias Glasner, mit dem Leben eines Triebtäters.

Guantanamo auf der Leinwand

Daneben war die Handlung vieler Filme in einem explizit politischen Bezugsrahmen verortet, allen voran bei dem streitbaren Beitrag „The Road to Guantanamo“ von Michael Winterbottom und Mat Whitecross. In einer Mischung aus Interviews mit Betroffenen und nachgestellten Szenen wird das Publikum mit menschenverachtenden Zuständen und Folterungen im US-Gefangenenlager auf Kuba konfrontiert. Der Film hat nicht nur auf der Berlinale heftige Diskussionen ausgelöst, sondern auch Echo in der UN-Debatte über die geforderte Schliessung von Guantanamo gefunden. Ob der Silberne Bär für die beste Regie angemessen ist, bleibt jedoch anzuzweifeln.

Versöhnungsarbeit mit „Grbavica“

Das Ineinander von Politischem und Privaten fokussiert der Film „Grbavica“ von Jasmila Žbanić, der zugleich Pubertätsdrama und Studie einer labilen Nachkriegsgesellschaft ist: Eine allein erziehende Mutter im heutigen Sarajevo muss ihrer 12-jährigen Tochter mitteilen, dass sie während des Krieges in einem serbischen Vergewaltigungslager gezeugt wurde. Bis in die Nebenfiguren hinein wird spürbar, wie das Private unausweichlich politisch ist, wenn einmal das Politische die private Integrität anhaltend beschädigt hat. Die Leistung der jungen bosnischen Regisseurin und ihres Teams wurde nicht nur mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet, sondern auch mit dem Goldenen Bären bedacht. Der Film ist bereits in seiner Entstehung an Versöhnungsarbeit auf dem Balkan interessiert und hat neben bosnischen auch serbische Künstlerinnen und Künstler eingebunden.

Gespräche in Südafrika

Auch in den beiden Sektionen „Panorama“ und „Forum“ stand die Auseinandersetzung mit politischen Fragen auf dem Programm. Die Ökumenische Jury vergibt hier zwei jeweils mit 2´500 Euro dotierte Preise. Mit „Komonrik“ von Feliks Falk würdigte sie eine im heutigen Polen angesiedelte Geschichte, in der ein Gerichtsvollzieher eine tief greifende Wandlung durchmachen muss. Ebenfalls zeichnete sie den semidokumentarischen Beitrag „Conversations on a Sunday Afternoon“ von Khalo Matabane aus, der seine Hauptfigur in Johannisburg mit Opfern wie auch Tätern verschiedener Bürgerkriege zusammenführt.

Hoffnungsvoller Abschluss

Bei all den schweren Filmen der Berlinale, gelang mit der iranischen Komödie „Offside“ ein heiterer Abschluss, gleichwohl die Benachteiligung von Frauen in der muslimischen Gesellschaft im Zentrum steht: Mädchen dürfen nicht ins Stadion, und die Soldaten, die sie bewachen müssen, haben ihre liebe Not mit der resoluten Fussballbegeisterung. Die Komödie mit Tiefgang eröffnet einen Blick in den Iran, der Offenheit im Kleinen zeigt – ein hoffnungsvoller Film.

Christine Stark, Filmbeauftragte der Reformierten Medien
christine.stark@ref.ch
 
 

Berlinale 2006 – Preisträger der Ökumenischen Jury

Der Preis für einen Film aus dem Wettbewerb ging an

„Grbavica“
Regie: Jasmila Žbanić, Österreich, Bosnien und Herzegowina, Deutschland 2005

für seine einfühlende und vorurteilsfreie Erzählweise, für seine Darstellung von menschlicher Verletzbarkeit und der Kraft der Liebe, Hass und Gewalt zu überwinden, für seine sensible Darstellung der universalen Problematik der Versöhnung.

Der Film erzählt die Geschichte einer Frau, die in Sarajevo in der Zeit nach dem Krieg nicht nur mit den täglichen Überlebensproblemen, sondern vor allem mit den Traumata des Krieges zurechtkommen muss. Sie hat eine Tochter, die zunächst nicht weiss, dass ihr Vater ein serbischer Soldat ist, der ihre Mutter vergewaltigt hat.
 
 
Der mit 2´500 Euro dotierte Preis für einen Film aus der Sektion „Panorama“ ging an

„Komornik“ (Der Gerichtsvollzieher)
Regie: Feliks Falk, Polen 2005

für ein genaues Porträt des aktuellen politischen Wandels in Polen, das zugleich eine ethisch eindringliche Geschichte über die universale Problematik der Korruption erzählt. Für die hohe künstlerische Qualität der Darstellung von Gerechtigkeit und Menschenwürde.

Der Film erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Gerichtsvollziehers Lucek Bohme, der im Namen des Gesetzes und ohne Rücksicht auf die jeweiligen Umstände das Eigentum von Schuldnern beschlagnahmt.
 
 
Der mit 2´500 Euro dotierte Preis für einen Film aus dem „Forum“ ging an:

„Conversations on a Sunday Afternoon“
Regie: Khalo Matabane, Südafrika 2005

für eine formal gelungene und inhaltlich eindrucksvolle Dokumentation der Situation von Kriegsflüchtlingen aus aller Welt, die in Johannisburg leben.

Der Regisseur zeigt einen Schriftsteller auf der Suche nach einer aus Somalia geflohenen Frau. Dabei begegnet er Kriegsflüchtlingen aus aller Welt, deren Geschichten von der Gewalt des Krieges, aber auch von der Hoffnung auf Versöhnung zeugen.
 
 
Mitglieder der Ökumenischen Jury:
Jörg Herrmann (Deutschland)
Milja Radovic (Serbien/Schottland)
Marius Sopterean (Rumänien)
Christine Stark (Präsidentin der Jury, Schweiz)
David Tlapec (USA)
Reinhold Zwick (Deutschland)

 
 
Offizielle Festivalwebsite:
http://www.berlinale.de

Die 57. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 8. bis zum 18. Februar 2007 statt.