Bauernkrieg

Seit einigen Jahren arbeitet der Schweizer Dokumentarfilmer Erich Langjahr an einer gross angelegten Bauern-Trilogie. Im Zentrum stehen die Fragen nach Identität, Überleben und Zukunft. Jedes dieser drei Themen bildet jeweils den Schwerpunkt eines einzelnen Films. Nach „Sennen-Ballade“ (1996) ist „Bauernkrieg“ der zweite Teil dieser Trilogie. Er zeigt Probleme des Überlebens der schweizerischen Landwirtschaft „am Übergang einer staatlich gelenkten Planwirtschaft zur Marktwirtschaft“.

„Bauernkrieg“ ist eingerahmt von Szenen heftiger Bauerndemonstrationen, zu Beginn jene von 1992 in Luzern, am Schluss jene von l996 in Bern. Diese Proteste der Bauern gegen die neuen GATT-Verträge und die Mitgliedschaft der Schweiz bei der Welthandelsorganisation WTO waren jedoch vergebens. Die rasende Liberalisierung und Globalisierung des Handels konfrontiert die Bauern mit einem unerbittlichen Produktivitäts- und Leistungsdiktat. Viele Bauern müssen ihren Hof aufgeben. Bei den überhöhten Bodenpreisen können sich Grundbesitz nur noch Grosskapitalisten und Spekulanten leisten. Das für die schweizerische Identität so wichtige Bild des freien, selbständigen Bürgers, bis in die jüngste Zeit vor allem verkörpert durch den unabhängigen, auf seiner eigenen Scholle werkenden Bauern, wird immer mehr zum folkloristisch-nostalgischen Phantom. Welche Folgen die Leistungssteigerung für das Vieh hat, wird an Beispielen aufgezeigt:

In einer automatisierten Melkstation wird eine Kuh gemolken. Sie steht hinter einem Metallgitter, die Geräusche evozieren das Bild einer Fabrikhalle. Grossaufnahme des Euters, über das sich die Blutgefässe wie riesige Krampfadern ausbreiten. Diese hypertrophierten Gefässe sind nötig, um die Milchleistung der Kühe zu erzielen, die man durch Zucht, Kraftfutter und andere Mittel ständig zu vergrössern sucht. Dabei kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dies geschehe letztlich auf Kosten des Wohlbefindens und der Gesundheit der Tiere. Die unförmigen Euter wirken wie auf Höchstleistung frisierte Organe.

Später besucht die Kamera eine Besamungsstation, deren Betrieb fachkundig erläutert wird. Stiere trotten in einem Rundlauf hintereinander her. Die Bewegung soll sie für den Samensprung fit machen. Für jeden Stier wird eine sterile, mit einem Gleitmittel präparierte künstliche Gummivagina bereitgehalten. Ein Stier wird sexuell stimuliert, wenn er die Silhouette einer Kuh von hinten sieht. Hier dient ein Stier als Kuhersatz. Beim Samensprung ejakuliert der Stier in die hingehaltene Gummivagina.

Am Schluss wird die industrielle Kadaververwertung gezeigt: Ein Kuhkadaver wird samt Hühnern und Innereien durch eine Art Schredder gewürgt und zerkleinert. Nach diversen Verarbeitungsprozessen wird das entstandene Tiermehl in Säcke abgefüllt.

Die Melkstation, die Embryonenentnahme, das „Absamen“ und die Kadaververwertung sind dokumentarische Berichte von grosser sinnlicher und emotionaler Kraft. Langjahr kommentiert seinen Film nicht, er zwingt den Zuschauern keine bestimmte Optik auf. Die Entwicklung der Landwirtschaft durch Wissenschaft, Bio- und Gentechnik und andere Techniken mag ihre positiven Seiten haben. Diese dürfen aber nicht dazu führen, die Fragen nach dem ethisch verantwortbaren Umgang mit unseren Nutztieren zu verdrängen. Sind die mit allen Mitteln betriebene Züchtung der Kühe zu Höchstleistungen als Milch und/oder Fleischprodzenten noch tiergerecht? Sind Praktiken wie die Embryonenentnahme und das „Absamen“ nicht brutale Verletzungen der Tierwürde? Steht das etwa auch den Menschen bevor, wenn wir wir uns damit bei den Tieren abfinden? Gewisse Anzeichen lassen das tatsächlich befürchten – schliesslich geht es auch da um riesige Profite. Diese und andere Fragen zu diskutieren, ist „Bauernkrieg“ ein nachhaltiger Anlass.

Franz Ulrich (gekürzt)

„Bauernkrieg“, Schweiz 1998, Regie: Erich Langjahr

Film des Monats September 1998