«Akte Grüninger» – zwischen Unterhaltung und Erinnerung
Mit dem Eröffnungsfilm «Akte Grüninger» stehen die 49. Solothurner Filmtage vor einer heftig geführten Debatte. Wenn Christian Jungen in der NZZ am Sonntag dem Schweizer Film einen Mangel an Haltung vorwirft, so ist auch der neue Film von Alain Gsponer damit gemeint.
Von einem «Ausstattungsfilm» zu sprechen ist durchaus richtig, denn es handelt sich um das Wieder-auflebenlassen der 1930er-Jahre, kurz vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs. Da der Begriff aber auch immer auf eine minderwertige ästhetische Qualität verweist, handelt es sich nicht um ein Gütesiegel. Mehr nach als Ausstattung bietet «Akte Grüninger» aber eine sehr bekannte Form der aktuellen Doku-Fiction: das «Reenactment»; gemeint ist das Nachspielen von historischen Szenen an den originalen Orten. Selbstverständlich ergibt sich aus diesem Unter-Genre des Fernsehfilms, dass Geschichte veranschaulicht wird. Dies hat durchaus seine Berechtigung, auch wenn damit keine grosse Filmkunst angestrebt wird.
Zivilcourage im «Kino der Tugend»
Es ist wohl nicht zufällig, dass in diesem Zusammenhang vom «Schweizer Schindler» gesprochen wird. Handelt es sich doch um einen Gerechten, der Tausenden von Juden das Leben gerettet hat und dabei seinen eigenen Ruf und seine Stellung bei der Polizei aufs Spiel setzte. Stanley Kubrick meinte zu «Schindlers Liste», dass dieser Film von Steven Spielberg überhaupt nichts mit dem Holocaust zu tun hätte. Ebenso geht es im Film von Alain Gsponer nicht um die Judenverfolgung der Nazis, sondern um den Aspekt der Zivilcourage, der anhand des St. Galler Polizeihauptmannes thematisiert wird. Damit ist der Film weit über den historischen Kontext hinaus relevant. Er stellt die Frage, unter welchen Bedingungen Zivilcourage eine echte Tugend ist.
Emotionen contra Haltung
Im direkten Vergleich mit dem Dokumentarfilm «Grüningers Fall» von Richard Dindo aus dem Jahre 1997 fällt auf, dass Gsponer viel stärker auf das Erlebnis der Ereignisse, die emotionale Bewegung und das Lokalkolorit setzt. Ein Zugeständnis an die Kinodramaturgie ist der Konflikt zwischen dem ehrgeizigen Polizeiinspektor Robert Frei aus Bern und dem menschenfreundlichen Grüninger. Damit wird geschickt der politische Konflikt zwischen dem Bund und dem Kanton St. Gallen personifiziert. Gsponer schliesst mit den Archivbildern, mit denen Dindo seinen Film eröffnet hat: Paul Grüninger steht als alter, gebrochener Mann an der Brücke von Diepoldsau.
Weder Godard noch Spielberg
Bereits Jean-Luc Godard hat zwischen dem Kino der Unterhaltung und dem Kino der Erinnerung unterschieden. Wobei er sich klar auf der Seite der Erinnerung positionierte. Ist der neue Grüninger Film nun reine Unterhaltung, oder nicht vielmehr auch Erinnerung? Es geht Gsponer eigentlich um die Versöhnung dieser beiden Sichtweisen. Er ist kein vollständig gelungener «Schindler»-Film im Sinne des Spielbergschen Kinos. Er insistiert auf die Erinnerung und verwendet dokumentarisches Material, das er in die nachgespielten Szenen einfügt. Er ist aber auch keine reine Erinnerung, wie sie Dindo in seiner Rekonstruktion der Ereignisse mit Zeitzeugen inszeniert hat.
Nicht radikal genug
Daraus abzuleiten, dass «Akte Grüninger» keine Haltung habe, wäre falsch. Er positioniert sich auf der Seite des gescheiterten Polizeihauptmannes, dem die Geschichte letztendlich Recht gegeben hat. Gsponer ist höchstens vorzuwerfen, dass er nicht radikal genug hinter seiner Figur steht. Es ist wohl kein Akt des Mutes, heute für Grüninger einzutreten, nachdem er bereits vom Bundesrat rehabilitiert wurde. Deshalb bleibt «Akte Grüninger» ein filmisches Denkmal, das für ein breites Publikum produziert wurde und sicherlich auch für die schulische Auswertung geeignet ist. Er tut niemandem weh und er irritiert auch keine festgefahrenen Weltbilder. «Akte Grüninger» ist keine grosse Kunst, aber ein solider Film über den Wert von Zivilcourage.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
Zur Debatte:
Christian Jungen: Schweizer Filme bieten Unterhaltung ohne Haltung (NZZ am Sonntag, 19. Januar 2014)
Georg Kreis: Abstreiten und Angreifen. Erläuterungen zum Judenstempel von 1938 (Tachles 24. Januar 2014)
Zivilcourage hat viele Gesichter, Multimedia-Dossier (kath.ch)
zum Filmtipp, «Akte Grüninger» ist auch unser Film des Monats Februar und ab dem 30. Januar in den Schweizer Kinos zu sehen.
