À la vie

Hélène trifft sich mit ihren Freundinnen Lili und Rose im französischen Strandbad Berck. Es ist ein Wiedersehen unter besonderen Vorzeichen: zum letzten Mal hatten sie sich 1945 in Auschwitz gesehen. Der Gegensatz zwischen dem sonnigen Strandbad, der farbigen Mode der 1960er-Jahre und den dunklen Erinnerungen machen den Film einmalig. Mit dem Genre der Tragikomödie fängt der Regisseur eine Lebenswelt ein, die sich zwischen Wirtschaftswunder und Trauma bewegt. So stellt sich für die Frauen die Schuldfrage: sie mussten zwischen dem Leben ihrer Lieben und ihrem eigenen wählen. Immer wieder bricht die Wunde auf und bekommt in der fröhlichen Ambiance dieses vermeintlichen Ferienfilms eine eigene Note.

«À la vie» gehört zu den Filmen, die seit Roberto Benignis «La vita è bella» (1997) versuchen, die Gräuel des Nationalsozialismus mit Mitteln der Komödie aufzuarbeiten. Dabei ist jede mise-en-scène eine Gratwanderung. Hier scheint das Gleichgewicht zu stimmen: immer wieder blitzt die Vergangenheit auf, führt jedoch nicht in die Katastrophe sondern in ein leises Schmunzeln. Jean-Jacques Zilbermann erzählt die Geschichte seiner Mutter und scheut sich nicht, das Tabu zu brechen. Julie Depardieu verkörpert diese fragile aber lebenshungrige Frau, die sich mühevoll aus der Vergangenheit befreit, nicht zuletzt mithilfe ihrer Freundinnen. Wenn es gelungene Filme über Resilienz, Widerstand und Humor gibt, dann gehört «À la vie» dazu.

Charles Martig, Filmjournalist Katholisches Medienzentrum
charles.martig@kath.ch

«À la vie», Frankreich 2014, 104 Minuten; Regie: Jean-Jacques Zilbermann, Besetzung: Julie Depardieu, Suzanne Clement, Johanna Ter Steege; Verleih: Frenetic Films, Internet: http://www.frenetic.ch

Kinostart: 13. August 2015

«À la vie» ist unser Film des Monats August und als pdf abrufbar. Film-des-Monats-Archiv