6. Alpirsbacher Filmgespräche: Glück – ein kostbares Gut

Vom 29. Oktober bis 1. November haben sich zum sechsten Mal Medienschaffende, Theologen und Laien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu den sogenannten „Alpirsbacher Filmgesprächen“ getroffen. Diese fanden erstmals in Hechingen (Baden-Würtembberg) statt. Die Auswahl der Filme und die anschliessenden Diskussionen standen dieses Jahr unter dem Motto „Glück“.

Glück im Kino darstellen – das ist, will man kein Abgleiten in seichten Kitsch riskieren, ein mehr als schwieriges Unterfangen. Und so führten die gezeigten Filme denn auch vor allem dessen Abwesenheit und scheinbare Unmöglichkeit vor Augen.

Trotzdem glücklich sein

Der französische Film „Ponette“ von Jacques Doillon (1996), der die Tagung eröffnete, wies bereits darauf hin, welch schwer zu erlangendes und kostbares Gut Glück sein kann: Das vierjährige Mädchen Ponette versinkt nach dem Unfalltod seiner Mutter in tiefster Trauer. Weder seine Spielkameraden, noch die meist hilflosen Erklärungen der Erwachsenen, auch nicht die Zwiesprache mit Gott, scheinen dem Kind helfen zu können. Am Ende dieses Leidensweges jedoch wird neues Glück wieder möglich. Der ganz aus der Sicht des Kindes erzählende Film verweigert einfache Antworten und nimmt Ponettes Unglück ernst. Trotzdem oder gerade dadurch ist er ein heftiges Plädoyer für die Hoffnung und das Glück geworden sowie dafür, an den Glauben zu glauben.

Filme im Geiste weiterlaufen zu lassen und sich darüber auszutauschen, was das Gesehene in einem selbst ausgelöst hat – das war Sinn und Zweck dieser Tagung. Im Dialog mit dem Film, aber besonders auch im Dialog zwischen den Teilnehmenden, eröffnen sich neue Horizonte und Erkenntnisse für jeden Einzelnen. Und das bewusste Zusammentreffen von geübten Medienschaffenden mit interessierten Laien, das an anderen Tagungen oft fehlt, bringt beiden Seiten neue und fruchtbare Sichtweisen näher.

Happiness?

Abwesendes und grausam verunmöglichtes Glück hat Todd Solondz´ Film „Happiness“ (USA 1998) zum Thema, wobei der Titel purer Sarkasmus ist. Die Schilderung verschiedener, dicht ineinander verwobener Lebenstragödien im Umfeld einer Familie, ist von einer eisig scharfen Genauigkeit. Da werden schonungslos hübsche Fassaden heruntergerissen, hinter denen sich Neid, Betrug, Missbrauch und Perversion verstecken. Doch die Insistenz, mit welcher Solondz seinen Figuren zu Leibe rückt, zeugt nicht von Menschenverachtung, sondern ist im Gegenteil Ausdruck eines tiefen Interesses am Individuum. Auch wenn er die Anstrengungen der Protagonisten als hoffnungslos und verletzend entlarvt, so macht er sich doch nie lustig über die tiefe Sehnsucht nach Glück, die alle Figuren antreibt.

Das Glück im Augenblick

Ein greifbares, wenn auch nur in kurzen Momenten aufzuckendes Glücksgefühl prägt Wong Kar-wais „Happy together“ (Hongkong 1997). Mit elektrisierenden Bilderfluten wird die letzte Phase einer zum Scheitern verurteilten Liebesbeziehung zwischen zwei Männern erfahrbar – eine triste Öde, in welche aber immer wieder und unvermittelt Augenblicke der Nähe und Hoffnung einbrechen.
In eine ähnliche Richtung gingen auch die deutschen Filme „Nachtgestalten“ (1998) von Andreas Dresen und „Paula und das Glück“ von Ute Hirschberg (1999). Auch hier ist das Glück ein kostbares und vergängliches Gut, das es für die porträtierten Figuren festzuhalten gilt, selbst auf das Risiko hin, dass es nur für einen Moment dauert.
Dass die Regisseurin Ute Hirschberg an der Tagung selbst anwesend war, bot die seltene Gelegenheit, in einer Plenumsdiskussion und im persönlichen Gespräch Fragen, die im Zusammenhang mit ihrem Erstlingswerk auftauchten, zu klären.

In den letzten Gesprächen zeigte sich schliesslich noch einmal, dass die kurze, aber intensive Beschäftigung mit aktuellen Filmen unter spirituellen Gesichtspunkten als interessante und anregende Erfahrung erlebt wurde – ja sogar als eine beglückende.

Johannes Binotto
Der Autor ist Student an der Universität Zürich