52. Berlinale zum Ersten

Dieter Kosslick hat als neuer Direktor der Berlinale vor allem eines nach Berlin gebracht: mehr Clownerien. Sein Rumgezappele und sein badisch-englisches Gebrabble mögen im ersten Moment charmant wirken, aber auf die Dauer sind sie halt doch nur ermüdend. Glücklicherweise stehen aber auch bei der 52. Ausgabe der Filmfestspiele weder der Direktor noch die Stars im Zentrum sondern die Filme. Und da kann man Kosslick nicht viel vorwerfen, der Wettbewerb bewegt sich auf einem annehmbaren Niveau, wobei allerdings nicht nur die künstlerischen Katastrophen weitgehend fehlen, sondern leider auch die kreativen Sternstunden.

Bei Halbzeit des Wettbewerbs sticht wieder einmal ein dänischer Film hervor. „Minor Mishaps“ ist ähnlich angelegt wie der Publikumserfolg des vergangenen Jahres „Italian for Beginners“, ein unprätentiöser Ensemblefilm, der uns charmant ungezwungen einführt in das Innenleben einer dänischen Familie, wo man die grossen Katastrophen befürchtet und dann ganz glücklich ist, dass man mit den kleinen enttäuscht wird.

Eine grosse Katastrophe dagegen steht am Beginn von „Monster´s Ball“, dem Wettbewerbsbeitrag des jungen Schweizer Regisseurs Marc Forster. Das Liebesdrama zwischen einem amerikanischen Gefängnisangestellten und einer schwarzen Frau, deren Mann er hingerichtet hat, steht bei den Kritikern hoch im Kurs. Ein souverän gestalteter Film mit grossartigen Schauspielern, der allerdings unter der aufgerauhten Oberfläche doch allzu glatt geraten ist.

Ganz und gar rauh ist dagegen „Bloody Sunday“ eine atemberaubende Rekonstruktion der blutigen Auseinandersetzungen, die am 30. Januar 1972 in der nordirischen Stadt Derry dreizehn Menschenleben gekostet hat. Selten spürt man im Kino so hautnah, wie es zu einer solchen Gewalteskalation kommen kann.

Die unterhaltsamsten Filme dagegen sind zwei augenzwinkernde Kriminalfarcen. Einmal „8 Femmes“ von François Ozon, wo sich acht grosse – ältere und jüngere – Damen des französischen Kinos um einen Mann balgen, den man nie zu Gesicht kriegt. Höchst artifizielles Boulevardkino – und höchst amüsant dazu. Und dann noch „Gosford Park“ von Robert Altman, der in Berlin mit einem Ehrenbären geehrt wurde. Fast alles was Rang und Namen hat im britischen Kino konnte der Altmeister aufbieten, und herausgekommen ist eine raffinierte und subtile Gesellschaftssatire, wie man sie seit „Mord im Orientexpress“ nicht mehr gesehen hat. Dass der knurrige Altman einmal eine derart delikate Agatha-Christie-Hommage hervorzaubern würde – wer hätte das gedacht.
„Heaven“ schliesslich von Tom Tykwer, der mit Spannung erwartete Eröffnungsfilm nach einem Drehbuch von Krzysztof Kieslowski, ist schon fast aus dem schnelllebigen Festivalgedächtnis entschwunden. Genau wie seine beiden unglücklich glücklichen Helden am Schluss des Films. Schade, denn gerade dieses Experiment in Stille hätte mehr Aufmerksamkeit verdient. Ein wunderschön fotografierter und montierter Film, der doch überraschend sperrig ist, weshalb es sich lohnen würde, ein zweites Mal hinzuschauen.

Thomas Binotto