50. Filmfestspiele Berlin: Glamour und Stille
Fünf Gehminuten vom Berlinale Palast am Marlene Dietrich Platz befindet sich die St. Matthäus Kirche. Während des Filmfestivals vom 9. – 20. Februar 2000 wurde hier erstmals ein „meeting point“ eingerichtet. Für die Festivalgäste bot der Treffpunkt täglich Diskussionen, Filmgespräche, eine Orgelandacht sowie bei Bedarf auch einen Moment der Stille.
Mit dem neuen Festivalzentrum in der urbanen Grossüberbauung am Potsdamer Platz hat die Berlinale einen grossen Schritt getan. Sowohl die architektonische Ausstrahlung der neuen Gebäude als auch der Glamour der Stars – von Leonardo di Caprio bis Jeanne Moreau – begeisterten viele Festivalbesucher. Die Veranstaltung hat sich vor allem auf ihrer repräsentativen Seite stark entwickelt. Diese Tendenz hat auch ihre Schattenseiten und mancher altgediente Festivalier erinnert sich wehmütig an frühere Veranstaltungen im Zoopalast, in denen Hektik und Starkult noch nicht dermassen das Geschehen bestimmten.
Kirche als Ort der Begegnung
Im Trubel der Ereignisse hat sich der neue Treffpunkt in der St. Matthäus Kirche als ein Ort der Begegnung erwiesen, der für die ökumenische Jury sowie für die kirchliche Filmarbeit an der Berlinale wichtig ist. In St. Matthäus wurden neben den täglichen Filmgesprächen mit Regisseuren auch der ökumenische Empfang der Kirchen sowie die Preisverleihung der ökumenischen Jury durchgeführt. Mit der Vorführung der Dokumentarfilme „Bonhoeffer – Die letzte Stufe“ sowie „Der weibliche Papst“ (von Horst Edler) hat die Kirchgemeinde St. Matthäus auch eigene Filmschwerpunkte gesetzt und den Kirchenraum als Kino zur Verfügung gestellt. Die Kirche hat auch über diese Filmaktivitäten hinaus einen modellhaften Charakter, da sie sich als ein Ort der Begegnung zwischen Kunst und Kirche versteht. Übers Jahr finden hier regelmässig Konzerte und Ausstellungen statt, die den Kirchenraum für Kunstinteressierte öffnen und lebendig gestalten. Insofern war auch die Initiative der kirchlichen Filmarbeit an der Berlinale bei St. Matthäus gut beheimatet.
Zhang Yimou erhält ökumenischen Preis
Im internationalen Wettbewerb beeindruckte vor allem der chinesische Beitrag „The Road Home“ von Zhang Yimou, der mit Filmen wie „Rotes Kornfeld“, „Ju Dou“ und „Rote Laterne“ bekannt wurde. In seinem neusten Werk erzählt er die Geschichte des Geschäftsmannes Luo Yusheng, der in sein Heimatdorf in Nordchina reist, um die Bestattung des Vaters zu begehen. Seine Mutter Zhao Di befindet sich in tiefer Trauer und möchte die Beerdigung in Übereinstimmung mit den alten Traditionen durchführen. Die alten Riten besagen, dass das Leichentuch von Hand gewoben und der Sarg von Männern auf einem langen Weg nach Hause getragen werden muss, damit seine Seele den Ort der Ruhe findet. Das eisige Schneetreiben sowie der Mangel an jungen Leuten im Dorf stellen für Luo Yusheng grosse Hindernisse dar. Er erinnert sich an die Liebesgeschichte seiner Eltern und an die Bedeutung der Strasse zurück nach Hause, die ihm und seiner Mutter die Kraft geben, die Bestattung im Sinne der Tradition durchzuführen. „Der Film ist eine einfache und klare Geschichte, die sich aus alltäglichen Ereignissen zusammensetzt. In intensiven schwarzen, weissen und leuchtenden Farben liefert uns Zhang Yimou eine Geschichte des chinesischen Lebens und der politischen Veränderungen über vier Jahrzehnte hinweg. (…) Vergangenheit und Gegenwart werden durch Heirat und Beerdigung zusammengehalten, die beide den Wert und die Macht der Liebe verkörpern“, heisst es in der Begründung der ökumenischen Jury, die ihren Preis im internationalen Wettbewerb an den Film „The Road Home“ verlieh. Mit den Mitteln des Identifikationskinos erzählt der chinesische Regisseur eine universale Geschichte. Die Rahmenhandlung in der Gegenwart in schwarz-weiss Bildern kontrastiert mit den farbigen Erinnerungen an die Liebesgeschichte zwischen der einfachen Frau aus dem kleinen Dorf Sanhetun und dem Lehrer aus der Stadt. Politische Wirren verhindern die baldige Heirat, doch die Liebe der Eltern zueinander ist stärker. Und diese Liebe, die tief berührend dargestellt wird, beseelt auch die solidarische Begleitung des Leichnams in dem langen Marsch zurück ins Heimatdorf.
Erinnerung an die Opfer
Mit dem Dokumentarfilm „Botín de guerra“ aus der Sektion Panorama zeichnete die ökumenische Jury einen argentinischen Beitrag von David Blaustein aus, der sich an die Opfer der Militärdiktatur (1976-1983) erinnert. Das besondere an diesem Film ist die Perspektive der Grossmütter der Plaza de Mayo in Argentinien. Sie suchen seit mehr als zwanzig Jahren nach ihren Enkelkindern, die unter der Diktatur entführt oder in Gefangenschaft geboren wurden. Offiziersfamilien haben systematisch Eltern aus der Oppositionsbewegung umgebracht und deren Kinder widerrechtlich adoptiert. In Interviews, die in Argentinien, Spanien und der Schweiz geführt wurden, berichten die Grossmütter von ihrem oft aussichtslosen erscheinenden Versuch, die Folgen des Kindesraubs zu bewältigen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Die beharrliche Arbeit dieser mutigen Frauen ist überzeugend, denn die Motivation für ihre Suche ist nicht die Rache an den Verbrechern des Regimes sondern ihre unbedingte Liebe zu den Enkelkindern. Aus dieser Quelle schöpfen sie ihre Kraft und leisten damit einen wichtigen Beitrag an die Versöhnung, die bislang in Argentinien nicht möglich war.
Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
| Preise der ökumenischen Jury
Der Preis für den Wettbewerbsfilm geht an: Ausserdem vergibt die Ökumenische Jury einen Spezialpreis für einen Film im Wettbewerb: Der mit DM 5.000,- dotierte Preis für den Film aus dem 15. Panorama geht an: Ausserdem vergibt die Ökumenische Jury einen Spezialpreis für einen Film im Panorama: Der mit DM 5.000,- dotierte Preis für den Film aus dem 30. Forum geht an: Der Spezialpreis für den Film aus dem 30. Forum geht an: |
