34. Solothurner Filmtage 1999: Von verlorener Würde und und menschlichem Leid
Flaute beim Spielfilm, hervorragende Dokumentarfilme – so etwa lautet das Fazit der diesjährigen Solothurner Filmtage. „Eroberung des Privaten“ und „Rückzug aus der Öffentlichkeit“ waren oft gehörte Schlagworte, mit denen versucht wurde, das Schweizer Filmschaffen des vergangenen Jahres zu charakterisieren. Dass dieser Gegensatz keinen Verlust an Verbindlichkeit und Qualität bedeuten muss, zeigen eine ganze Anzahl von Dokumentarfilmen, welche die Schnittstellen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit zum Thema machten und damit aufschlussreiche Schlaglichter auf Zustand und Befindlichkeit der Gesellschaft Schweiz werfen. Eine Auswahl der gezeigten Filme.
„Darf ich mal schreien“ von Jeanne Berthoud ist eine Art Realsatire über die Veräusserlichung des Privaten im Dienst der Werbung. Das Berner Einkaufszentrum „Shoppyland“ organisiert einen Wettbewerb zur Erkürung des „Traumpaares 1998“. Den Gewinnern winkt eine Heiratsausstattung im Wert von 70´000 Franken, die Hochzeit soll im Einkaufszentrum stattfinden. 59 Paare lassen sich auf ihre Traumpaar-Tauglichkeit testen. Für das Siegerpaar – „Darf ich mal schreien?“ fragt die junge Frau, als man ihr die Wahl zum Siegerpaar mitteilt – wird schliesslich in der Bettenabteilung von Möbel Pfister ein Altar aufgebaut, und mitten im Samstagseinkaufsrummel schreitet es unter Hammondorgelklängen zur Trauung. Hochzeit als Verkaufsförderungsaktion – das ist nicht nur ein Beispiel pervertierter Werbung und hemmungsloser Kommerzialisierung des Privaten, da geht auch die Würde des Trauungsrituals vor die Hunde. Der Film entlarvt mit seinem nüchternen Reportagestil aber auch den Zynismus der Veranstalter und die Mentalität von Menschen, die um des „Kickes“ willen, einmal im Zentrum öffentlichen Interesses zu stehen, ihre Intimität preiszugeben bereit sind.
Einen Verlust an Würde wird auch in Norbert Wiedmers „Schlagen und abtun“ sichtbar, wenn bei einem traditionellen Brauch wie dem Hornussen das Markenzeichen des Sponsors McDonald´s auf die Schindeln gemalt werden und Hornusser erklären „Wir halten das M in Ehren!“ – oder wenn sich bei einer anderen Werbeveranstaltung die Hornusser als „ein einig Volk von Watchern“ vereinnahmen lassen. Schlagen und Abtun sind zwei Grundbegriffe des Hornussens, eines archaischen, zur bäuerlichen Kultur der Schweiz gehörenden Geschicklichkeitsspiels. Norbert Wiedmer hat vier Hornusser zwei Jahre lang begleitet, hat sie in ihrem Berufs- und Familienalltag sowie bei den Vorbereitungen zum Spiel, beim Training und bei der Teilnahme an Wettkämpfen gefilmt. Assoziativ aufgeteilt in 52 Bilder, ergibt der sehr schön fotografierte, geradezu ethnografische Film das verdichtete Bild einer Mittellandschweiz zwischen Tradition und Moderne.
Um den Stellenwert des Geldes, über das man in der Schweiz lieber nicht spricht, sofern man es hat, geht es in Dieter Gränichers „Der Duft des Geldes“. Ein anonym bleibender Privatier, der unerwartet ein grosses Vermögen geerbt hat, leistet sich den Luxus, viel Zeit zu haben. Eine Frau aus reicher Zürcher Textilunternehmer-Familie verzichtet auf Privatbesitz, um – der Fokolar-Bewegung nahestehend – nach urchristliche Idealen und Werten zu leben. Ein ehemaliger Finanzier prozessiert gegen Banken, die sein Geld veruntreut und ihn zum Fürsorgeempfänger gemacht haben. Und Jürg Marquard, der sein Printmedienimperium unaufhaltsam vergrössert, brüstet sich stolz mit seinem Reichtum und erklärt: „Weil ich das Geld liebe, liebt es auch mich“. Die vier Porträts zeigen aufschlussreich den unterschiedlichen Umgang mit Geld und dessen Bedeutung im Leben dieser Menschen.
Eines im Schweizer Dokumentarfilmschaffen bisher kaum präsenten Themas – Wirtschaftsunternehmer – hat sich Eduard Winiger mit „Die Durststrecke – Drei Jungunternehmer im Aufbau“ angenommen. In dieser sich über zweieinhalb Jahre hinziehenden Langzeitstudie stehen drei jüngere Kleinunternehmer im Mittelpunkt, die sich in der globalisierten Wirtschaft mit einer Nischenproduktion zu behaupten suchen – mit unterschiedlichem Erfolg. Dodé Kunz, ehemalige Aktivistin der OFRA und POCH, gründet eine Bekleidungsfirma, die nach viel Einsatz und Rückschlägen vom Kapitalgeber übernommen wird, um den drohenden Konkurs abzuwenden, sodass die Gründerin zur Angestellten ihrer Firma werden muss. Ingenieur Gabriel Strebel hat eine ultraschnelle Prüf- und Sortiermaschine für industrielle Kleinteile entwickelt, für die er selbst auf Reisen in Europa und Asien Käufer sucht. Ob der langen „Durststrecke“ enttäuscht, verkauft der Hauptinvestor Strebels Firma einfach weiter. Um nicht Angestellter zu werden, wagt Strebel unverzagt einen Neuanfang ohne Investor. Der Westschweizer Elektroingenieur Claude Cellier geht mit seinem digitalen Tonstudio auf den Weltmarkt und hat als einziger von den drei schliesslich Erfolg, weil er amerikanische Partner und Investoren findet, was ihn allerdings zwingt, den Sitz seiner Firma in die USA zu verlegen. Alle drei müssen bittere Lektionen in Marktwirtschaft verkraften und laufen dabei Gefahr, nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Menschen auf der Strecke zu bleiben.
Um eine Entwicklung geht es auch in Urs Grafs „Die Zeit mit Kathrin“, allerdings nicht um eine technisch-wirtschaftliche, sondern um eine menschliche und künstlerische. Graf hat die Schauspielschülerin Kathrin Bohny während ihres vierjährigen Studiums an der Schauspiel Akademie Zürich mit der Kamera begleitet. In sorgfältigen, streckenweise betörend schönen Bildern dokumentiert der Film den Prozess einer sehr persönlichen, intimen Entwicklung und macht für Aussenstehende einsichtig und nachvollziebar, wie ein junges, unbeschwert kokettierendes Mädchen zur Frau und bewusst ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten reflektierenden Schauspielerin heranreift, ohne ihre natürliche Ausstrahlung zu verlieren. Ein in mancher Beziehung beglückender Film.
Um äusserst Privates in einem (halb)öffentlichen Raum geht es in Richard Dindos „HUG – L´hôpital cantonal universitaire Genève“, einer Auftragsproduktion des Genfer Gesundheitsdirektors. Neugierig, aber mit gebotener Diskretion bewegt sich Dindo mit der Kamera von Matthias Kälin durch den Alltag (und die „Allnacht“) des Spitals, lässt teilnehmen am Leiden und Sterben, aber auch am Gesundwerden von Patienten aller Altersstufen und an der Arbeit der Ärzte und des Pflegepersonals. Völlig unpathetisch, sachte und mit einer fast unglaublichen Leichtigkeit dokumentiert die Kamera Bilder und Szenen dieses Universums des kranken, leidenden und genesenden Menschen und löst wohl bei allen, die sich diesem Blick in eine meist verdrängte Wirklichkeit aussetzen, eine ganz starke emotionale Anteilnahme aus.
Zum Schluss sei noch ein Dokumentarfilm erwähnt, stellvertretend für die zahlreichen in Solothurn gezeigten Werke, die sich mit Realitäten ausserhalb der Schweiz befassen: „Im Warteraum Gottes“ von Stefan Schwietert berichtet von Menschen, die im sonnigen Florida in scheinbarer Geborgenheit im luxuriösen, bewachten und gesicherten Altersparadies „Wynmoore“ ihren Lebensabend geniessen. Von den etwa 9500 Bewohnern sind 90 Prozent Juden, viele davon Überlebende der Nazi-Konzentrationslager. Schwietert gelingt es, hinter die Fassade zu blicken und Menschen zum Sprechen zu bringen, die von den unfassbaren Leiden des Holocaust geprägt sind und die Erinnerungen daran nie mehr loswerden können. Einige von ihnen konnten Jahrzehnte lang nicht darüber sprechen, nicht einmal mit engsten Angehörigen. Dieser Film ist ein emotional aufwühlendes Dokument, ein Mahnmal wider das Vergessen und ein Memento, dass sich diese Menschheitsverbrechen und das dadurch verursachte ungeheure Leid niemals wiederholen darf.
Franz Ulrich
