107 Mothers

Lesya verbüsst in einem Gefängnis in Odessa eine siebenjährige Haftstrafe, weil sie ihren Ehemann ermordet hat. Ihren kleinen Sohn bringt sie dort zur Welt und darf ihn nur für bestimmte Stunden sehen, genau wie alle anderen Mütter, die mit ihr inhaftiert sind. Der eintönige Tagesablauf wird nur von diesen hoffnungsvollen Momenten unterbrochen und den Gesprächen mit der Gefängnisdirektorin Iryna. Ihr vertrauen die Frauen ihre innersten Gefühle und Gedanken an.

Inspiriert von den wahren Geschichten der Insassinnen dieses ukrainischen Frauengefängnisses, bewegt sich «107 Mothers» von Regisseur Peter Kerekes spielerisch zwischen Dokumentation und Fiktion. Es gibt keinen starken erzählerischen Bogen, eher eine Reihe von ausdrucksstarken Momenten.

Faszinierend sind die Details aus dem Leben der Frauen. Die meisten von ihnen wurden wegen Verbrechen im Affekt eingesperrt. Die Eifersucht verbindet sie und eine gewisse resignierte Langeweile: Wut über das eigene Schicksal oder ein Anflug von Reue ist selten. Sichtbare Emotionen gibt es nur, wenn eine Mutter Gefahr läuft, ihr Kind an ein Waisenhaus zu verlieren.

Eine Stärke des Films ist seine visuelle Ästhetik: Kameramann Martin Kollar macht aus den nüchternen, sich wiederholenden Gefängnisbildern ein Erlebnis, etwa aus der Szene, in der die Frauen zusammen ihre Babys stillen. Diese Eindrücke bleiben im Gedächtnis haften – genauso wie die traurigen Schicksale der Mütter und ihrer Kinder.

Sarah Stutte, Filmjournalistin

«107 Mothers», Ukraine 2021, Regie: Peter Kerekes, Besetzung: Iryna Kiryazeva, Maryna Klimova, Lyubov Vasylyna, Verleih: Trigon Film, http://www.trigon-film.org

Kinostart: 21. April 2022