La stanza del figlio
Nanni Moretti ist einer der führenden Regisseure des zeitgenössischen italienischen Kinos. Mit intimen Geschichten und einfachen gestalterischen Mitteln versucht er, menschliche Werte und Gefühle zu erkunden. Er fragt nach den Freuden des Alltags in «Caro diario» (1993) und zeigt Bilder von seiner Vespa-Fahrt durch die Quartiere von Rom. Gleichzeitig kontrastiert er diese Momente des Glücks mit einer autobiografischen Krankheits- und Heilungsgeschichte. Auch in «Aprile» (1998) nimmt er ein persönlich bewegendes Ereignis – die Geburt seines Kindes – als Anlass, sich selbst und seine Rolle als Intellektueller in der aktuellen Zeitgeschichte kritisch zu hinterfragen. In seinem neusten Film «La stanza del figlio» verbindet Moretti die Rolle des Regisseurs mit derjenigen des Hauptdarstellers. Er erzählt eine fiktionale Geschichte über den Verlust eines lieben Menschen und bewahrt dabei die überzeugende Intimität seiner früheren Filme.
Giovanni und Paola leben mit ihren zwei Kindern in einer glücklichen Ehe. Ihre beiden Teenager – Irène und Andrea – sind in einer geborgenen Familiensituation aufgewachsen. Der Vater Giovanni (Nanni Moretti) arbeitet als Psychoanalytiker in seiner Praxis, die Teil der Wohnung ist. Hier empfängt er seine Klienten, die mit unterschiedlichen Neurosen bei ihm in Behandlung sind. Giovanni begegnet diesen Menschen mit einer ungewöhnlichen Gelassenheit. Nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen, und in der Freizeit pflegt er ausgiebig seine Hobbys: Lesen, Musikhören und Laufen. An einem Sonntag Morgen muss er das geplante Jogging mit seinem Sohn Andrea absagen, da er einen Notfallanruf bekommt. Andrea begleitete ein paar Freunde auf einem Tauchausflug und verunglückte tödlich. Mit diesem schrecklichen Ereignis verändert sich die Welt der Kleinfamilie: für Giovanni, seine Frau Paolo (Laura Morante) und für seine Tochter Irène ist es ein tiefer Einschnitt. Sie reagieren auf unterschiedliche Weise auf den Verlust und trauern auf ihre je persönliche Art.
Der Film konzentriert sich auf die Perspektive des Vaters, der starke Schuldgefühle hat und dadurch beruflich in eine Krisensituation gerät. Mit dem Verlust des Sohnes ist auch die grosse Ruhe und Gelassenheit verloren. Die Behandlung von Patienten wird für den Psychoanalytiker immer schwieriger. Die Beziehung zu seiner Frau wird zunehmend distanziert und auch die Tochter Irène gerät aus seinem Blickfeld.
Was bleibt, wenn ein Kind stirbt? Mit der Metapher «das Zimmer des Sohnes» gelingt es Nanni Moretti ein Bild zu gestalten, das in seiner Einfachheit und Direktheit tief berührt. Die Charaktere sind stimmig, die Darstellung der schmerzlichen Gefühle ist zurückhaltend und überzeugend, die mögliche Lösung bleibt angedeutet: ein Film der im Moment der Krise eine unerwartete Leichtigkeit vermittelt.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
«La stanza del figlio», Italien/Frankreich 2001, Regie: Nanni Moretti, Besetzung: Nanni Moretti, Laura Morante, Jasmine Trinca, Giuseppe Sanfelice, Verleih: Frenetic Films Zürich, Bachstrasse 8, 8038 Zürich, Telefon: ++41 (0)1 483 06 60, Fax: ++41 (0)1 483 06 61, E-Mail: mailto@frenetic.ch , Internet: http://www.frenetic.ch , http://www.lachambredufils.com , Kinostart: 22. November 2001
