Der Stellvertreter

Das Theaterstück «Der Stellvertreter» von Rolf Hochhuth wurde 1963 in Berlin uraufgeführt. Es löste eine breite internationale und über Jahrzehnte dauernde Kontroverse aus. Es ging dabei um das Schweigen des Papstes Pius XII. angesichts der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkrieges. Constantin Costa-Gavras nimmt diesen Stoff auf und formt daraus eine eigenständige fiktionale Filmversion. Zwei Männer stellt er in den Mittelpunkt: den Chemiker und Offizier der Waffen-SS Kurt Gerstein (Ulrich Tukur), welcher das Zyklon B für die Vergasung der Juden liefern muss, und die erfundene Figur des jungen Jesuitenpriesters Ricardo (Matthieu Kassovitz), der verzweifelt versucht, aufgrund der Informationen des SS-Offiziers über die Konzentrationslager beim Papst zu intervenieren. Gerstein bleibt in der Maschinerie, um als Zeuge vor die Welt treten zu können. Die beiden Männer kämpfen von innen gegen die autokratischen Machtsysteme. Sowohl die Nazi-Maschinerie als auch die Diplomatie des Papstes erweisen sich als übermächtige Ordnungen, an denen die Hauptfiguren zerbrechen.

An der Trennlinie zwischen politischer Aufklärung und Identifikationskino versucht Costa-Gavras die Schuld einzelner Repräsentanten zu differenzieren. Am deutlichsten wird der Vatikan als totalitäres System sichtbar. Ausgeschmückte Interieurs mit Insignien des imperialen Roms, der Papst mit seinem Beraterstab in den Hallen und Fluchten, die ritualisierten Audienzen: Dieser Stellvertreter Christi ist ein Interessenvertreter und erweist sich als mächtig ohnmächtiger Nutzniesser. In der Zeichnung der Hauptfiguren nimmt Costa-Gavras die Deutlichkeit dieser Schuldzuweisung zurück. Kurt Gerstein, der als historische Figur existierte und zwanzig Jahre nach seinem Selbstmord in der Zelle des Pariser Militärgefängnisses Cherche-Midi rehabilitiert wurde, erscheint im Film als ein bekennender Christ, der sich der Tragweite seiner Komplizenschaft mit dem Nazi-System nicht bewusst ist. Der Film hinterfragt jedoch nicht die Funktion Gersteins als seltsamer Heiliger, als spektakulärer Widerstandskämpfer im System des Grauens, sondern bleibt ihm nach den Regeln des Identifikationskinos auf naive Weise treu. Ebenso ist die fiktive Jesuitenfigur Ricardo von einem ungebrochenen Glauben an die Gerechtigkeit getrieben. Insofern ist der Film vor allem als ein Plädoyer für Zivilcourage und persönliche Verantwortung angesichts von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lesen.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch

«Der Stellvertreter», Frankreich/Deutschland 2002, Regie: Constantin Costa-Gavras, Besetzung: Ulrich Tukur, Mathieu Kassovitz, Ulrich Mühe, Monopole Pathé Films AG, Neugasse 6, 8005 Zürich, Telefon: +41 (0)1 277 70 80, Fax: +41 (0)1 277 70 89, E-Mail: pathefilms@pathefilms.ch, Internet: http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20020469.pdf, https://www.medientipp.ch/thema/th0216.htm

Kinostart: 30. Mai