Feature am Sonntag. Da gehen wir nicht mehr hin

2016 starb der Restaurantkritiker Wolfram Siebeck mit 86 Jahren. Ein Jahr zuvor übergab er dem Regisseur und Autor Ulrich Gerhardt 36 Audio-Kassetten, die er in den 1980ern bei seinen Restaurantbesuchen besprochen hatte. Dokumente des Elends. Denn es war keine gute Zeit für gute Küche. In Frankreich ruhte sich die Gastronomie allzu bequem auf ihrem Weltruf aus. In Deutschland konnte man von Weltruf nur träumen. Hier waren die Saucen mehlverschwitzt, dort waren sie dickhäutig. Und allüberall war Servicewüste. Siebeck litt. Und schimpfte. Und stellte sich selbst an den Herd. Seine Artikel polarisierten. Die einen kochten fasziniert seine Rezepte nach. Die anderen fühlten sich durch seinen kritischen Absolutheitsanspruch angegriffen. Siebeck urteilte mit Furor und Humor, begeistert oder enttäuscht, leidenschaftlich und hochanspruchsvoll