Stéphane Goël: Ein Atheist, der Fragen stellt
(medientipp) Am 14. April startet Stéphane Goëls neuer Film «Fragments du Paradis» – unser Film des Monats April – in den Kinos. Der Dokumentarfilm setzt sich mit Jenseitsvorstellungen von Menschen am Ende ihres Lebens auseinander. Im Interview spricht der Schweizer Regisseur über seinen neuen Film, das Paradies und die Spiritualität des Kinos.
Charles Martig: Wie haben Sie die Personen gefunden, die in Ihrem Film über das Paradies sprechen?
[bild56890|25872lw160h90c-]Stéphane Goël: Insgesamt haben wir rund 140 Menschen nach ihren Vorstellungen des Jenseits befragt, wobei jetzt 35 davon in meinem Film vorkommen. Dabei habe ich vor allem mit Institutionen zusammengearbeitet, wie zum Beispiel Altersheimen. Die grösste Hürde war, diese zu überzeugen. Sobald der Kontakt hergestellt war, ging es dann sehr einfach. Viele alte Menschen waren sehr dankbar dafür, dass wir zu ihnen kamen und ihnen zugehört haben.
Die Beziehung zwischen Vater und Sohn spielt im Film eine wichtige Rolle. Wieso haben Sie diese Begegnung mit Ihrem Vater in den Film aufgenommen?
Der Film besteht aus vielen Einzelaufnahmen von Leuten, die direkt in die Kamera sprechen. Zudem sind die Einstellungen in schwarz-weiss gedreht. Darum habe ich nach einer dramaturgischen Struktur gesucht, die ich dem Film geben kann. [bild56891|25872rw160h90c-]Ursprünglich war vorgesehen, dass der Anfang einer Bergwanderung gezeigt wird. Dass sich diese Wanderung mit meinem Vater zu einem derart wichtigen Leitmotiv entwickelt, haben wir erst in der Montage des Films entschieden. Ich finde, dass ein wichtiger Teil der Identifikation über diese Vater-Sohn-Beziehung läuft. Viele Reaktionen an internationalen Festivals haben mir gezeigt, dass gerade dieser Aspekt etwas Universelles hat: mit seinem Vater zu sprechen und ins Reine zu kommen ist ein starkes Bedürfnis bei vielen Menschen.
Es gibt im Film eine grosse Vielfalt von Aussagen über das Paradies. Ist das die Intention des Films?
Ursprünglich bin ich davon ausgegangen, dass es klare Positionen und Vorstellungen gibt; z.B. die reformierte Sicht oder die katholischen Bilder des Paradieses. Bei den Dreharbeiten hat sich jedoch gezeigt, dass es sehr unterschiedliche Vorstellungen gibt. Da gibt es jetzt vom Bibel-Zitat, über die Vorstellung der Inkarnation bis zum Nihilismus alles. Die Pluralität der Sichtweisen hat mich überrascht. Sie macht jetzt einen wesentlichen Teil des Films aus. Ich denke, dass die Nachkriegsgeneration, die hier befragt wurde, heute ein sehr grosses Spektrum von Jenseitsvorstellungen hat. Diese gehen einher mit der Loslösung von den kirchlichen Institutionen und der Individualisierung der persönlichen Vorstellungen vom Tod und dem, was danach kommt. Die Pluralität dieser Sichtweisen gibt dem Film seine Reichhaltigkeit und hat mich bei den Dreharbeiten sehr glücklich gemacht.
[bild56892|25872lw160h90c-]Welches Menschbild vertreten Sie beim Filmemachen?
Ich habe die Aufnahmen mit sehr wenig technischem Aufwand gemacht. Ich habe die Kamera geführt und dabei selbst die Fragen gestellt. Hinzu kam nur ein Tontechniker. In diesem Rahmen waren intime Gespräche möglich. Bei den Aufnahmen bin ich ganz offen an die Leute herangegangen. Ich wollte Ihnen zuhören und ihre Sicht der Dinge erfahren. Dabei zeigt sich jetzt im Film eine grosse Ehrlichkeit und Authentizität der Gesprächspartner. Mir geht es dabei um eine wohlwollende Einstellung, die Vertrauen schafft. Die Kritik und der politische Ansatz, den wir bei unserem Filmkollektiv Climage gewöhnlich verfolgen, hat mich hier weniger interessiert. Der liebevolle Blick auf die Menschen steht für mich im Zentrum des Films.
Wie sehen sie die Beziehung zwischen Film und Spiritualität?
[bild56687|25872rw160h90c-]Am Schluss von «Fragments du paradis» gibt es die Szene mit meinem Vater, in der er eine Art spirituelle Epiphanie erlebt. Das liegt jenseits des Religiösen. Diesen Ort habe ich gesucht: man merkt, dass der Zweifel vorherrscht, aber trotzdem gibt es einen Moment, in dem die Beziehung zum Heiligen aufscheint. – Ich als Filmschaffender habe im Kino die bedeutungsvollsten Momente meiner eigenen Menschlichkeit erlebt. Besonders im Dokumentarfilm, in dem ich die Begegnung mit den Anderen erlebe, ihre Leiden, ihre Emotionen. Ich denke, dass der Film sich sehr gut eignet, um diese Elemente darzustellen, vor allem wenn man den Menschen dabei sehr nahe kommt. Das ist für mich Spiritualität im Film. Im Kino gibt es für mich mystische Erlebnisse, sogar mehr als in der Kirche.
Wie hat der Film Ihre persönliche Einstellung zur Religion verändert?
Vor Beginn des Films war ich ein doktrinärer Atheist, heute betrachte ich mich als Atheisten, der sich Fragen stellt.
Das Interview führte Charles Martig,
Filmjournalist Katholisches Medienzentrum
kath.ch-Video «Spirituelles an den Filmtagen Solothurn» – mit Regisseur Stéphane Goël:
