«Das unausgesprochene Wort sagt mehr als das ausgesprochene»

(Sarah Stutte/medientipp) Diese Woche startet das Kloster-Drama «La Passion d’Augustine» in den Kinos. Der neue Spielfilm von Léa Pool ist unser Film des Monats im November. Am diesjährigen Zurich Film Festival feierte er Premiere. Zu diesem Anlass lud die schweizerisch-kanadische Regisseurin zum Gespräch in Zürich und erklärte, warum Musik heilen kann und warum Worte besser unausgesprochen bleiben.

Sarah Stutte: Warum gingen Sie mit 25 Jahren nach Kanada, um Filme zu machen? Warum ging das nirgendwo anders?
Léa Pool: Ich ging 1975 nicht nach Québec, weil ich Filme machen wollte, sondern weil ich eine Veränderung brauchte. Ich wollte etwas anderes kennen lernen als die Schweiz. Ich hatte die Möglichkeit, an der dortigen Universität Kommunikationswissenschaften und Kunst zu studieren. Während des Studiums, fast gegen Ende, fand ich Gefallen am Filmemachen.

[bild55518|25872lw160h90c-]In «Lost & Delirious» war es ein Internat, in «La Passion d’Augustine» ist es eine Klosterschule, in der die jungen Frauen erwachsen werden. Beide Drehbücher stammen nicht von Ihnen. Was fasziniert Sie an diesem Mikrokosmos?
Persönlich war ich nie in einem Internat. Ich machte eine normale Schulausbildung bis zum Gymnasium in Lausanne. Es stimmt, dass bei beiden Filmen die Drehbücher schon vorhanden waren und ich dort nur Regie geführt habe. Doch es ist Zufall, dass sich beide Adoleszenz-Geschichten in einem solchen Mikrokosmos abspielen. Ich fand beide Male das Thema sehr interessant. Ich mag es, mit jungen Leuten zu arbeiten. Geschichten über Mädchen zu erzählen, die langsam erwachsen werden. Und das jeweils in einer ganz anderen Welt mit anderen Regeln.

Filmtipp: «La Passion d’Augustine»

Léa Pools Kloster-Drama ist unser Film des Monats November. Worum es geht und was «La Passion d’Augustine» so sehenswert macht, steht im Filmtipp von Charles Martig.

Der Verlust der Mutter spielt in vielen Ihrer Filme eine tragende Rolle. Warum ist das so?
Ja, das ist fundamental in meiner Arbeit und kehrt immer periodisch zu mir zurück. Der Schlüssel liegt in meiner schwierigen Kindheit begründet. Meine Mutter war nie da, weil sie immer arbeitete und das Geld in der Familie verdiente. Die Mütter der anderen Kinder arbeiteten nicht, also war ich die einzige, die keine Mutter zuhause hatte. Niemand, der auf mich wartete, wenn ich aus der Schule kam. Dieses Gefühl, der Wunsch und die Sehnsucht danach, ziehen sich wie ein roter Faden durch mein filmisches Werk.

Die Figur Alice aus «La Passion d’Augustine» ist rebellisch, teilt aber mit ihrer Tante, Mutter Augustine, die Liebe zur Musik. Was für einen Stellenwert hat Musik für Sie persönlich und glauben Sie, dass Musik wirklich heilen kann?
Alice hat eine Leidenschaft für die Musik und diese Leidenschaft rettet sie letztendlich. Sie ist zwar rebellisch, kann sich aber auf die Musik wirklich konzentrieren. Sie lässt sie erwachsener werden. Für mich ist die Musik sehr wichtig. Alle meine Filme sind mit Musik untermalt, die das Herz berührt. In «La Passion d’Augustine» jedoch ist die Musik das Herz des Films.
[bild55517|25872lw160h90c-]Die Passion von Augustine ist die Passion für die Musik. Die Geschichte würde ohne nicht funktionieren. Sie spielt in einer Zeit in Québec, die man die stille Revolution nannte. Québec ging in Richtung Modernität, die Religion war zuvor überall. Noch bis Ende der 50er-Jahre wurden alle Schulen durch die römisch-katholische Kirche geführt. Die Regierung fing Anfang der 60er an, nach und nach die Kontrolle zu übernehmen und das Bildungssystem komplett neu auszurichten. Für die Nonnen in dieser kleinen, ländlichen Gemeinschaft ist es schwer zu akzeptieren, dass sich ihr Leben grundlegend ändert. Für sie war die Musik und das hohe künstlerische Ansehen der Schule immer sehr wichtig. Ich finde es interessant, dieses Kapitel von Québecs Geschichte anhand dieser kleinen Gemeinschaft zu erzählen.

Sie sollen einmal gesagt haben, dass Sie Schauspieler danach aussuchen, wie diese das umsetzen können, was sie mit ihren Körpern sagen wollen. Ist Ihnen Körpersprache wichtiger als das gesprochene Wort?
Ja. Ich denke das Wort, das nicht gesagt wird, sagt mehr als das ausgesprochene. Man übermittelt mehr von sich, mehr als man ist, gibt alles von sich Preis. Für mich lügt der Körper nicht.