Zu Ende leben
Der Film konfrontiert uns unvermittelt mit einer schlimmen Diagnose: Tom Niessl leidet an einem bösartigen Hirntumor. In ihrem ersten Dokumentarfilm in Kinolänge begleitet Rebecca Panian Tom zu diversen medizinischen Massnahmen, bei Gesprächen innerhalb der Familie oder bei der Erfüllung eines langgehegten Wunsches – einer Reise zu den Polarlichtern im Norden Finnlands. Tom organisiert sein Leben neu, erfährt die Krankheit (zeitweise) gar als Erlösung von einer zuvor nicht mehr befriedigenden Situation. Eingestreut werden Interviewsequenzen mit Schweizer Prominenten wie Franz Hohler und Nik Hartmann zu Themen wie dem Leben angesichts des nahen Todes, dem Umgang mit Trauer oder zu Exit.
Der Film bewegt. Am Zürich Film Festival erhielt er den Publikumspreis. Er liefert viele Denk- und Gesprächsanstösse. Eine mögliche Schwäche besteht in der (Über-)Fülle an Material, unter anderem durch die Beiträge von 19 Persönlichkeiten. So wie Tom sein Leben verlangsamt, sich neu konzentriert, wäre mehr Raum für das Verarbeiten all der Eindrücke wünschbar. Ob das Sterben in unserer Gesellschaft weitgehend tabuisiert wird, wie die Regisseurin anderorts ausführte, bleibt zudem gerade angesichts ihres Filmes fraglich. Zumindest thematisiert er – nicht weniger spannend − auch das Tabu des Lebens: Was oder wer hindert uns, Weichen in unserem Leben neu zu stellen – sogar ohne unheilbare Erkrankung?
Hermann Kocher, Pfarrer ref. Kirchengemeinde Langnau i.E.*
hermann.kocher@gmail.com
«Zu Ende leben», Schweiz 2014, Regie: Rebecca Panian, Besetzung: Thomas Niessl, Sylvette Niessl, Francesca Bosshard-Fasani; Verleih: Filmcoopi, http://www.filmcoopi.ch, Filmwebsite: http://www.zuendeleben.ch/
Kinostart: 16. April 2015
| «Zu Ende leben» ist unser Film des Monats April und als pdf abrufbar. Film-des-Monats-Archiv |
*Hermann Kocher ist Mitglied im reformierten Arbeitskreis Kirche und Film. In loser Folge schreiben Pfarrpersonen und kirchliche Mitarbeitende aus dem Arbeitskreis Filmtipps.
