Electroboy
Interviewsequenzen des Regisseurs mit dem Protagonisten bilden den roten Faden. Marcel Gislers erster Dokumentarfilm fasziniert dadurch, dass wir uns immer an Schnittstellen bewegen: zwischen dem Auf und Ab im Leben des Florian Burkhardt, einer irritierenden Familiengeschichte und dem Lebensgefühl vorab der neunziger Jahre. Ist Florian Künstler, Genie, Hochstapler oder Suchender ohne Boden unter den Füssen? Wir werden mitgenommen in den Glamour Hollywoods, in die Welt männlicher Topmodels oder der Fangemeinde elektronischer Musik – Florian als Electroboy. Gisler porträtiert Menschen, die alles stehen und liegen lassen, wenn sie von einer Idee oder der Ausstrahlung eines Menschen verzaubert sind. Wir werden aber genauso konfrontiert mit bigotten Formen von Religiosität oder dem Alltag psychiatrischer Kliniken.
Florian ist heute vierzig Jahre alt. Sein Lebensradius ist klein geworden, durch Phobien bestimmt. Nach und nach enthüllt der Film eine tragische Schlüsselstelle in der Geschichte seiner Familie. Trotz allem endet er nicht ohne Perspektiven: Das behutsame Vorgehen des Regisseurs – zuletzt bewiesen in «Rosie» –, löst überraschende Veränderungen im Familiensystem aus. Gislers Werk führt eindrücklich vor Augen, wie ein Film nicht nur die Zuschauende in den Bann ziehen, sondern auch therapeutische Prozesse bei den Protagonisten auslösen kann.
*Hermann Kocher, reformierter Pfarrer in Langnau i.E.
hermann.kocher@gmail.com
«Electroboy», Schweiz 2014, Regie: Marcel Gisler, Dokumentarfilm mit Florian, Hildegard und Peter J. Burkhardt; Verleih: Vinca Film GmbH, http://www.vincafilm.ch
Kinostart: 27. November 2014
*Hermann Kocher ist Mitglied im reformierten Arbeitskreis Kirche und Film. In loser Folge schreiben Pfarrpersonen und kirchliche Mitarbeitende aus dem Arbeitskreis Filmtipps.
