Ilo Ilo
Herr Lim arbeitet in einem krisengeschüttelten Unternehmen in Singapur, seine hochschwangere Frau verfasst als Sekretärin fast ununterbrochen Kündigungsschreiben. Wenn das Telefon klingelt, weiss sie, dass ihr Sohn Jiale wieder etwas ausgefressen hat. Seit sein Grossvater gestorben ist, benimmt sich Jiale unausstehlich. Weil Frau Lim das alles zu viel wird, stellt sie Teresa an, eine philippinische Nanny. Jiale tyrannisiert die junge Frau vom ersten Tag an, während seine Eltern ihr mit Misstrauen und Überheblichkeit begegnen. Trotzdem gelingt es Teresa, Jiale für sich zu gewinnen, und diese Beziehungsänderung zeigt sich in sehr feinen Abstufungen. Aus Tyrannei und Demütigung wird Neckerei, und Jiales anfänglich verletzende Bemerkung über den Geruch von Teresas Haar bekommt plötzlich einen zärtlichen Charakter.
Obgleich man Teresa anfangs nur bedauert, ringt man sich zunehmend auch Sympathien für Jiale und seine Eltern ab, denn nach und nach kommen bei ihnen menschliche Seiten zum Vorschein. Die Handkamera verleiht dem Film einen authentischen Anstrich und lässt einen unmittelbar am Alltag der Figuren teilhaben. Mit «Ilo Ilo» erzählt der singapurische Regisseur Anthony Chen eine unspektakuläre Geschichte, die auch deshalb berührt, weil sie stellvertretend für viele philippinische Billigarbeitskräfte und Mittelstandfamilien stehen kann.
Andrea Lüthi, Kulturjournalistin
«Ilo Ilo», Singapur 2013, Regie: Anthony Chen; Besetzung: Yeo Yann Yann, Chen Tianwen, Angeli Bayani; Verleih: Trigon-Film, http://www.trigon-film.org
Kinostart: 5. Juni 2014
