Vous n’avez encore rien vu
Man fühlt sich an Resnais‘ Anfänge, allen voran «L’année dernière à Marienbad» erinnert; ausgeklügelte Bildkompositionen, Kamerafahrten durch schön ausgeleuchtete Innenräume, eine zwischen Traum und Wirklichkeit schwankende Stimmung. Wie ein Rückblick wirkt ausserdem, dass der 91-jährige Regisseur die Grossen des französischen Kinos wie Sabine Azéma, Pierre Arditi oder Michel Piccoli sich selbst spielen lässt. «Vous n’avez encore rien vu» ist eine Hommage an sie, aber auch an den französischen Theaterautor Jean Anouilh und dessen Stück «Eurydike».
Zu Beginn des Films bekommen alle Schauspieler einen Anruf: Der Dramatiker Antoine d‘Anthac sei gestorben und wünsche, dass sich seine Freunde in seinem Landhaus versammeln. Sie alle haben einst eine Rolle in Antoines «Eurydike» gespielt – nun sollen sie aufgrund eines Demobands entscheiden, ob eine junge Schauspieltruppe die Aufführungsrechte für das Stück bekommt. Während sich Antoines Freunde den Film ansehen, fallen sie in ihre Rollen zurück; die hohen, kargen Räume des wundersamen Landhauses werden zur Kulisse, die sich stetig wandelt. Die Inszenierung auf dem Demoband verschmilzt kunstvoll mit den Szenen im Landhaus und auf einem kleinen Bahnhof. «Vous n’avez encore rien vu» ist vor allem ein ästhetischer Genuss; seine Gesprächslastigkeit erfordert Konzentration – und am Ende wartet Resnais mit einigen Überraschungen auf.
Andrea Lüthi, Kulturjournalistin
andrea.luethi@medientipp.ch
«Vous n’avez encore rien vu», Frankreich 2012, Regie: Alain Resnais, Besetzung: Sabine Azéma, Anne Consigny, Pierre Arditi, Michel Piccoli; Verleih: Frenetic Films AG, http://www.frenetic.ch
Kinostart: 15. August 2013
