Vergiss mein nicht

Wer Arno Geigers kontrovers diskutiertes Buch «Der alte König in seinem Exil» gern gelesen hat, kann sich auf den vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm von David Sieveking freuen. «Vergiss mein nicht» erzählt die persönliche Geschichte des Filmregisseurs, der für einige Zeit die Pflege seiner an Demenz erkrankten Mutter Gretel übernimmt, um seinen erschöpften Vater Malte zu entlasten. Durch den Blick der Kamera wird der therapeutische Anspruch sekundär; es geht bald nicht mehr darum, Fortschritte zu erzielen, sondern im Moment einzufangen, was die Protagonistin gerade fühlt.

Nach und nach wird der Lebensentwurf der Gretel Sieveking abgerollt, wird anhand wichtiger Lebensorte erzählt, wie aus der einst politisch mutigen, freiheitsliebenden Frau, eine an Alzheimer erkrankte Persönlichkeit geworden ist. Und wo ihr lineares Zeitempfinden schwindet, kann sie nur noch das Jetzt der Gegenwart, des Kairos leben. «Mein Vater und wir Kinder», so notiert David Sieveking, «haben von meiner Mutter gelernt, wie wichtig und kostbar es ist, sich Liebe unmittelbar zu zeigen, echte Nähe und Intimität zuzulassen und uns einfach einmal gemeinsam in den Armen zu liegen.» So ist eine nuancenreiche Hommage an Gretel entstanden, ja, ein liebevolles Porträt, das durch Authentizität, Situationskomik und die Filmmusik überzeugt und anregt, das eigene Verhältnis zur Alzheimer-Krankheit neu zu überprüfen.

Brigitte Affolter, reformierte Pfarrerin
brigitte.affolter@bluewin.ch

«Vergiss mein nicht», Deutschland 2012, Regie: David Sieveking, Dokumentarfilm;  Verleih: Look Now!, http://www.looknow.ch

Kinostart: 31. Januar 2013