Vom Warten auf Gnade und Glück

«Gnade» der Titel des deutschen Wettbewerbbeitrags von Matthias Glasner könnte auch exemplarisch über einem Grossteil des diesjährigen Berlinale-Programms stehen. Die Filme thematisierten vielfach den Aufschrei der innerlich wie äusserlich geschundenen Kreatur Mensch. Mal laut, mal leise. Dann wieder voller Verzweiflung, bisweilen aber auch von Hoffnung getragen wie in «Rebelle» oder «Cesare deve morire», dem Preisträger des Goldenen Bären und der Ökumenischen Jury.

Dass Glasners Film, mit dem programmatischen Titel «Gnade», dem Thema nicht gerecht wurde, war eigentlich vorauszusehen. Seine Filme – u.a. die schier unerträgliche Absolution eines Vergewaltigers («Der freie Wille») –  zeichneten sich immer schon durch die Abwesenheit jedweder moralischen Haltung aus. Und auch diesmal bleibt die von ihm und seinem Drehbuchautoren Kim Fupz Aakeson aufgeworfene Frage nach Gnade und Vergebung als blosse Behauptung im Raum stehen, weil Glasner einfach das inszenatorische Talent fehlt, diese existenzielle Frage filmisch umzusetzen. So muss sich seine Protagonistin Maria (Birgit Minichmayr), die gerade in dunkler, norwegischer Polarnacht ein Mädchen überfahren hat, dämliche Dialogduelle mit ihrem Mann Niels (Jürgen Vogel) liefern, um beider Schuld zu relativieren: Sie war einfach weitergefahren und er hatte beim Nachsehen nicht richtig hingesehen. Statt den inneren Konflikt der Beiden, sich der Verantwortung zu stellen oder den Unfall zu vertuschen, in den Mittelpunkt zu stellen, verzettelt sich «Gnade» in unnötigen Handlungsnebensträngen, wie den Pubertätsproblemen ihres Sohnes und Niels – mit geschmacklosem Rammelsex garniertem – Verhältnis zu einer Arbeitskollegin. Schliesslich braucht es drei Enden, um die von den Eltern des getöteten Mädchens erlangte Gnade der Vergebung filmisch zu manifestieren – ohne, dass man jemals irgendwie berührt wäre. 

Mendozas furioser Prolog verliert sich im Dschungeldickicht

Mit der gleichen unentschiedenen Haltung entführt uns der hochgelobte philippinische Regisseur Brillante Mendoza (Goldene Palme 2009 in Cannes für «Kinatay») in seine Heimat, wo im Frühjahr 2001 islamische Terroristen in einem Resort 20 Geiseln nehmen und 377 Tage lang gefangen halten. Doch nach einem furiosen Prolog verläppert sich der Film «Captive» im Dickicht des Dschungels, weil Mendoza weder den angeblich religiös-moralischen Anspruch  der Geiselnehmer hinterfragt, noch Antworten für das merkwürdige Verhalten der verfolgenden Regierungstruppen findet. Und durch die Besetzung der im Mittelpunkt der Geschichte stehenden französischen Entwicklungshelferin Therése Bourgoine mit Isabelle Huppert bekommt der Film eine Schieflage, von der er sich nicht mehr erholt. Der Weltstar wirkt wie ein Fremdkörper in dem aus einheimischen Schauspielern und Laiendarstellern bestehendem Ensemble, zumal sie Mendoza als Gutmensch inszeniert, die dann sogar für einen der Kindersoldaten zur Ersatzmutter wird. Da werden Vergewaltigungen und Geiselerschiessungen zu Petitessen am Rande, die Mendoza genauso wenig interessieren, wie die Charaktere seiner Protagonisten.

«Rebelle» greift Dasein einer Kindersoldatin schonungslos auf 

Tiefer in die Seele der Bestie Mensch blickt da schon der in Kanada geborene Kim Nguyen, dessen vierter Spielfilm «Rebelle» das Thema Kindersoldaten mit einer schonungslosen  Härte aufgreift, die einem den Atem stocken lässt: Da muss die 12-jährige Komona – Rachel Mwanza wurde für ihre bewegende Interpretation mit dem «Silbernen Bären» ausgezeichnet – ihre eigenen Eltern erschiessen, um nicht selbst getötet zu werden. Fortan missbraucht sie der Rebellenkommandant als Soldat und Geliebte, bis sie sich in  den wenig älteren Magier (Serge Kanyinda) verliebt  und sie aus dem Camp fliehen. Vor allem will Komona ihre Eltern begraben, damit die ihr nicht mehr in ihren Träumen erscheinen. Diese surrealen Traumbilder bilden ein geradezu poetisches Gegengewicht zu Komonas brutalem Soldatenalltag, dem schliesslich auch der Magier zum Opfer fällt. Und doch spiegelt sich in den Tränen Komonas die Hoffnung auf ein Leben in Frieden.

Dass die Humanität auch im Alltag sogenannter zivilisierter Länder noch Nachhilfestunden braucht, zeigt der eher stille Film des uruguayischen Regisseurs Rodrigo Plá «La Demora», in dem eine arbeitslose, alleinerziehende Mutter von drei Kindern, ihren dementen Vater aussetzen muss, damit er als vermeintlicher Obdachloser einen kostenlosen Heimplatz bekommt. Nur Armen steht der nämlich nicht zu. In atmosphärisch dichten Bildern zeichnet Plá die von Schuldgefühlen und körperlicher Erschöpfung belastete Zuneigung einer Tochter zu ihrem Vater nach – ein berührendes Plädoyer für mehr Mitmenschlichkeit.

Italienische Regie-Legenden überzeugen mit «Cesare deve morire»

Um Verantwortung für die am Rande der Gesellschaft Stehenden – sei ihre Schuld auch noch so gross – geht es auch in dem mit dem Goldenen Bären und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichneten «Cesare deve morire» von Paolo und Vittorio Taviani.  Nun haben die beiden italienischen Regie-Legenden nach der Goldenen Palme von Cannes («Padre Padrone») und dem venezianischen Löwen für ihr Lebenswerk das Trio der drei begehrtesten Trophäen des Films voll. Und irgendwie sind sie mit ihrem semi-dokumentarischen «Cesare deve morire» zu den Wurzeln ihrer puritanisch-strengen, von Laiendarstellern getragenen Frühwerke zurückgekehrt. Sechs Monate lang haben die beiden Brüder in einem römischen Hochsicherheitsgefängnis den Entstehungsprozess einer Inszenierung von Shakespeares «Julius Cäsar» gefilmt. Ohne dabei mit dem pädagogischen Zeigefinger zu winken, gelingt es ihnen, die Parallelen zwischen dem Theaterstück und der Realität herauszuarbeiten und den Protagonisten zu einer erhellenden Reise in die eigene Seelenlandschaft zu verhelfen. Die Kunst erweist sich somit gnädiger als der Mensch. Sie kann zwar nicht vergeben, aber den Samen legen für eine bessere Welt.

Rolf-Ruediger Hamacher, Mitglied der Ökumenischen Jury

 

Preise der Ökumenischen Jury 2012

Die Ökumenische Jury der Berlinale 2012, getragen von Interfilm und Signis, verleiht Preise im Internationalen Wettbewerb, im Panorama und im Internationalen Forum des Jungen Films. Die Preise im Panorama und im Forum sind jeweils mit 2500 Euro dotiert. Das Preisgeld wird gestiftet von der Katholischen Filmarbeit in Deutschland und der EKD.

Im Internationalen Wettbewerb vergibt die Jury ihren Preis an

«Cesare deve morire» («Caesar Must Die») von Paolo und Vittorio Taviani, Italien 2011

eine Lobende Erwähnung geht an

«Rebelle» («War Witch») von Kim Nguyen, Kanada 2012

 

Der Preis für einen Film aus der Sektion Panorama geht an

«Die Wand» («The Wall») von Julian Roman Pölsler, Österreich/Deutschland 2011

eine Lobende Erwähnung geht an

«Parada» («The Parade») von Srdjan Dragojevic, Serbien/Kroatien/Mazedonien/Slowenien 2011

 

Im Forum verleiht die Jury ihren Preis

«La demora» («The Delay») von Rodrigo Plá, Uruguay/Mexiko/Frankreich 2012

 

Die Mitglieder der Ökumenischen Jury
Cynthia Chambers, USA
Alyda Faber, Kanada
Rolf-Rüdiger Hamacher, Deutschland
Mikael Larsson, Schweden
Angelika Obert – Präsidentin, Deutschland
Edgar Rubio, Mexiko

Die Begründungen der Jury können hier nachgelesen werden.

 

Der Österreicher Julian Roman Pölsler gewann für «Die Wand» («The Wall») den Preis der Ökumenischen Jury in der Sektion Panorama. Was bedeutet dem Regisseur dieser Preis? Und wie ist seine Haltung gegenüber Kirche und Religion?