Feuerprobe bestanden
Erstmals ging das Dokumentarfilmfestival «Vision du Réel» unter der künstlerischen Leitung von Luciano Barisone über die Bühne. Die interreligiöse Jury hat sich auf die 19 abendfüllenden Filme im Wettbewerb konzentriert und in «El Lugar Mas Pequeño» den Preisträger gefunden. Drei Linien sind in der weiten Spanne von Filmen auszumachen.
Die erste Linie umfasst jene Werke, in denen eine Suche nach den Wurzeln und dem Ursprung aufgenommen wird. Dabei spielt der Kontrast zwischen Gegenwart und Vergangenheit eine wichtige Rolle. Beispielsweise wird in «El Lugar Mas Pequeño» von Tatiana Huezo Sánchez, (Mexiko 2011) der Lebendigkeit der Natur und der Menschen in einem abgelegenen Dorf im heutigen El Salvador die von Todesangst und Grausamkeit gekennzeichnete Vergangenheit des Bürgerkriegs entgegengesetzt. Dazu setzt die 1972 geborene Filmemacherin in ihrem ersten abendfüllenden eine raffinierte und sensible Filmsprache ein: Die Berichte von Überlebenden und die Bilder des sich neu entfaltenden Dorflebens sind nicht synchron, aber durch die kunstvolle Verschiebung von Bild und Narration entsteht ein Raum, in dem die Zuschauenden selbst Fragmente eines Traumas zusammensetzen und Orte der Stille und der Hoffnung entdecken. Dieser ausdrucksstarke Film erhielt nicht nur den von den Schweizer Kirchen mit 5’000 Franken dotierten Preis der interreligiösen Jury, sondern auch den von der Schweizer Post mit 20`000 Franken dotierten Grand Prix der internationalen Jury.
Gegensätzliche Lebensräume und Suche nach Wurzeln
«Sonnensystem» von Thomas Heise (Deutschland 2011) geht dem radikalen Kontrast zwischen einem harmonischen, vom Zyklus der Natur bestimmten Leben einer indigenen Gemeinde in einem argentinischen Tal und dem Lebensraum im unendlichen Labyrinth der Favelas nach. Hier steht die Bildsprache im Vordergrund: Die Kamera fokussiert auf feine und respektvolle Weise auf verschiedene Aspekte des Dorfes und seiner Einwohner und bewegt sich zwischen Feld, Haus, Schule und Kirche. Vielfalt und Routine, Ruhe und Bescheidenheit, Zuwendung und Tradition prägen eine Existenzform, die nicht mehr bestehen kann und viele Menschen dazu zwingt, den Weg in die Peripherie der Grossstadt auf sich zu nehmen. Die poetische Sprache wirkt keineswegs beschönigend, sondern erlaubt den scharfen, desillusionierten Blick auf die gegensätzlichen Lebensräume. Andres Rumps «Scheich Ibrahim, Bruder Jihad» (Deutschland 2010) ist durch die Suche nach den Wurzeln und die Einbettung in religiöse Traditionen charakterisiert. In kargen und ruhigen Berg- und Stadtlandschaften begegnen sich ein syrisch-katholischer Mönch und ein Sufimeister zu Gesprächen über Gott und die Welt. Durch den menschlichen Kontakt entsteht eine Verständigung, die auf der gemeinsamen Suche nach dem Absoluten gründet und sich jenseits der unterschiedlichen Lebensführung und möglichen Konflikte entfaltet (Lobende Erwähnung der interreligiösen Jury).
Europas Sorge um Identitätsverlust
Unweit vom Motiv der Suche nach den Wurzeln liegt die Sorge um den Verlust von Identität, welche die zweite Linie kennzeichnet. Einige Dokumentarfilme gehen dieser Thematik mit vergleichbaren Verfahrensweisen nach. Durch das Aneinanderreihen von Räumen, in denen Zugehörigkeit und Orientierung prinzipiell verweigert werden, entstehen Bilder von einem Europa, das Züge von bedrohlichen und negativen Utopien aufweist. Gitter, Zellen, Treppen, Videokameras sowie leere, sterile, funktionale Räume werden zu Orten des ewigen Durchgangs und zum Symbol der Unmöglichkeit, Wurzel zu schlagen und sich Zuhause zu fühlen. «Il Castello» von Massimo D’Anolfi und Martina Parenti (Italien 2011) stilisiert zum Beispiel den Flughafen Milano Malpensa zum Inbegriff des technologischen Unortes. In eine ähnliche Richtung geht «Abendland» von Nikolaus Geyrhalter (Österreich 2011), wobei hier das Setzen von Grenzen zur Erschaffung von überschaubaren, jedoch tendenziell destruktiven Lebensräumen als ein dominantes Leitmotiv des Films eingesetzt wird.
In «Mercado de Futuros» von Mercedes Alvarez, (Spanien 2011) werden die unbewohnbaren und illusorischen Räume der wirtschaftlichen Spekulation mit der Wärme des von Erinnerungen geprägten Ortes des Flohmarkts kontrastiert. Während selbstgefällige Unternehmer absurde Hotel- und Gebäudepläne im Zuge des Neoliberalismus mit einer skurrilen Rhetorik zu jedem Preis zu verkaufen versuchen, weigert sich der alte Krämer, die Ware seines vollgestopften Ladens weiterzugeben und entmutig mit lustigen Ausreden seine enttäuschten Kunden (Preis «Regard Neuf» im internationalen Wettbewerb).
Familie als Ort der Verwurzelung
Die dritte Linie, die in der Auswahl der abendfüllenden Wettbewerbsfilme stark berücksichtigt wurde, sieht in der Familie einen wesentlichen Ort der Identitätsfindung und Verwurzelung. Die Familie wird beispielsweise als ein Ort des freiwilligen Sterbens im Zuge einer unheilbaren Krankheit in «Epiloque» von Manno Lassens (Belgien 2011) gezeigt. Mit einer Kamera, die den Familienangehörigen als Protagonisten sehr nahe kommt, stellt dieser Film in sehr deutlichen Bildern die aktive Sterbehilfe als eine individuelle Möglichkeit dar, die persönliche Würde zu bewahren und dem Leiden bewusst ein Ende zu setzen. Inwiefern die dabei anwesende Kamera den Vorgang beeinflusst hat und seinen Wert nicht nur als Familiendokument besitzt, sondern bei allem Respekt gegenüber den Protagonisten vielleicht eine Grenze überschritten hat, war Gegenstand von Diskussionen unter dem Publikum. Der Film erhielt eine lobende Erwähnung der internationalen Jury. In Mia Halmes Werk «Ikuisesti sinum» (Finnland 2011) wird die Familie zum Ort der Zuwendung und des Ersatzes. Die finnische Filmemacherin setzt sich mit den Gefühlen und Schwierigkeiten von Kindern auseinander, die in Pflegefamilien leben und dabei versuchen, die Beziehung zu den biologischen Eltern auf sehr unterschiedliche Weise zu gestalten (Grand Prix der Schweizer Post für die beste Regie).
Diesen Modellen von Familien als Orte der Verwurzelung kann man den Film «Rechokim» von Adi Barashi und Ruthie Shatz, (Israel/Frankreich/USA 2011) als Kontrast entgegensetzten. Hier werden die Zuschauer mit der hoffnungslosen Situation einer palästinensischen Familie, deren Vater Israel Informationen zugespielt hat, konfrontiert. Der Alltag der Familie ist gekennzeichnet von Hausarrest, Erziehungsanstalt, Schulproblemen, Armut und Angst. Sowohl vom israelischen Sicherheitsapparat als auch von ihren Familien fallen gelassen, versucht die siebenköpfige Familie ohne eine Aussicht auf bessere Zeiten zu überleben.
Fragen nach Nähe und Distanz
Im Allgemeinen bot das Programm des internationalen Wettbewerbs eine qualitativ gute Auswahl an Dokumentarfilmen mit interessanten Einblicken in eine lebendige, aufmerksame und engagierte Szene. Sie setzen sich mit zentralen Themen der heutigen, globalisierten Gesellschaft auseinander und warnen mit einer subtilen und sorgfältigen Filmsprache die Rezipienten vor simplen und reduktiven Antworten. Neben einigen herausragenden Produktionen gab es auch einige Werke, die dem Anspruch des Themas nicht wirklich zu genügen vermochten. Manche Filme warfen Fragen nach der Nähe und der Distanz zu den Figuren und ihrer dramatischen Situation auf. Wie weit darf der Dokumentarfilm gehen? Wie stark soll beispielsweise das Gewicht von Authentizität und fundierter Sozialkritik gegenüber dem Schutz der Intimsphäre von benachteiligten Kindern gewertet werden? Auch solche Aspekte sind ein Indiz für die Wichtigkeit des Dokumentarfilms als Ausgangspunkts aktueller Debatten unserer Zeit. Ganz im Sinne des Festivalnamens – «Vision du Réel» – fordern sie das Publikum auf, über die Filme und die dargestellten Realitäten auf differenzierte Weise nachzudenken. Mag unter anderem auch aufgrund des neu eingeführten Ticketsystems die Zählung der Zuschauer gegenüber dem Vorjahr tiefer ausgefallen sein, darf trotzdem behauptet werden, dass Luciano Barisone und sein Team mit der Programmauswahl die Feuerprobe gut bestanden haben.
Daria Pezzoli-Olgiati, Dozentin für Religionswissenschaften an der Universität Zürich und Präsidentin der interreligiösen Jury 2011
Der internationale Wettbewerb wurde neu in drei Sektionen unterteilt: abendfüllende Filme, mittellange Filme und Kurzfilme. Die interreligiöse Jury hat sich auf die 19 abendfüllenden Filme konzentriert.
Mitglieder der interreligiösen Jury 2011:
- Hassouna Mansouri, Filmkritiker und Autor (Niederlande)
- Daria Pezzoli-Olgiati, Jury-Präsidentin, Dozentin für Religionswissenschaften an der Universität Zürich, (Schweiz)
- Raphael Pifko, Psychologe und Projektleiter an der ETH Zürich (Schweiz)
- Jacqueline Veuve, Filmemacherin und Produzentin (Schweiz)
Seit 2005 ist am Film Festival «Visions du Réel» in Nyon eine interreligiöse Jury akkreditiert. Die vier Mitglieder setzen sich zusammen aus einem protestantischen Vertreter der internationalen Kirchlichen Filmorganisation Interfilm, einem katholischen Vertreter der Katholischen Weltorganisation für Kommunikation Signis und je einem Angehörigen jüdischen und muslimischen Glaubens.
