Grenzen überwinden

Das Errichten und Überwinden von Grenzen zog sich als Thema in manchen Werken am 24. Filmfestival von Fribourg (13. Bis 20. März 2010) durch: am eindrücklichsten beim georgischen Beitrag „The Other Bank“, aber auch bei „El Vuelco del Cangrejo“ und „Lola“, dem Preisträger der Ökumenischen Jury.

„The Other Bank“ (L’autre rive) von George Ovashvili (Georgien 2009) hat den Regard d’Or der internationalen Jury erhalten. Der Georgier erzählt in seinem Langfilmdebüt die Geschichte des 12-jährigen Tedo, der zusammen mit seiner Mutter als Flüchtling in Tiflis lebt. Als Tedo entdeckt, dass sich seine Mutter aus Geldnot prostituiert, begibt er sich ins gefährliche Krisengebiet Abchasiens, um seinen kranken Vater zu suchen. Auf seiner Reise durch das kriegsversehrte Land erlebt er den Hass der ´anderen Seite´, aber auch die Solidarität, die ihm, dem Georgier, von Abchasen zuteilwird. Aus dem Blickwinkel eines Kindes, das die Welt des Erwachsenwerdens entdeckt, fasst Ovashvili das Drama seines Landes in starke Bilder und wenige Worte.

In „El Vuelco del Cangrejo“ (Krabbenfalle) von Oscar Ruíz Navia (Kolumbien/Frankreich 2009) macht Daniel, ein junger Weisser, die Erfahrung, wie Grenzen zwischen Einheimischen und Fremden in einem afrokolumbianischen Dorf gezogen werden. Auf der Flucht vor seiner Vergangenheit gelangt er in ein Dorf an der Pazifikküste Kolumbiens. Ein Entrinnen ist unmöglich, solange die Fischerboote nicht zurückkehren. Angewiesen auf die Gastfreundschaft der Dorfgemeinschaft erlebt Daniel, wie diese sich gegen die Gefahren der Aussenwelt zur Wehr setzt. Mit einer poetischen Bildsprache von aussergewöhnlicher Dichtheit zeigt der Film, wie in einem bedrohten Mikrokosmos Beziehungen notwendig sind, um das Überleben zu sichern.

Ökumenischer Preisträger „Lola“ bald im Kino

Im Film „Lola“ des philippinischen Regisseurs Brillante Mendoza sind es andere Grenzen, die Menschen schmerzhaft trennen. Hier kreuzen sich die Lebenswege zweier Grossmütter in Manila: der Enkel der einen hat den der anderen ermordet. Während die Grossmutter des Opfers nach Gerechtigkeit strebt und versucht, das Geld für seine Beerdigung zusammen zu bekommen, sucht die des Täters durch eine aussergerichtliche finanzielle Einigung seine Freilassung zu bewirken. Auch wenn die Grenze zwischen Gut und Böse, Opfer und Täter klar abgesteckt sind, begegnen sich beide Grossmütter in ihrem Kampf ums tagtägliche Überleben ihrer Familien. Mit dokumentarischer Genauigkeit versetzt uns Mendoza in einen Alltag, der die Realitäten von Tod, Gerechtigkeit, Armut und die Suche nach Würde umfasst. Dieser Film hat in Fribourg den Preis der ökumenischen Jury erhalten, den Preis der FICC-Jury sowie eine lobende Erwähnung der internationalen Jury. Er wird bereits Ende April durch trigon-film in die Deutschschweizer Kinos gebracht werden.

Beeindruckt haben am Festival aber auch Filme aus dem Iran wie „Tehroun“ von Nader T. Homayoun (Talent Tape Preis) oder „Border“, ein Werk des Armeniers Harutyoun Khachatryan, das die verheerenden Folgen der Grenzkonflikte zwischen Armenien und Aserbeidschan ganz ohne Dialog und Erklärung aus der Perspektive einer Büffelkuh zu zeigen vermag (Preis der Fipresci-Jury). Das Fribourger Filmfestival hat in seiner diesjährigen Ausgabe – auch dank der Sektion mit russischen Filmen, einer Rückschau auf Jean Rouch, den Pionier des ethnografischen Filmschaffens, und einer ganzen Reihe hervorragender lateinamerikanischer Streifen (darunter solche von Carlos Reichenbach und Jorge Furtado) – die Vielfalt der Weltsichten der siebten Kunst in grossartiger Weise erleben lassen.

Beat Dietschy, Präsident der ökumenischen Jury in Fribourg

Der Preis der ökumenischen Jury in Fribourg
ist mit 5´000 Franken dotiert und wird von den beiden kirchlichen Hilfsorganisationen „Action de Carême“/“Fastenopfer“ (katholisch) und „Pain pour le prochain“/“Brot für Alle“ an die Regisseurin oder den Regisseur vergeben, deren/dessen Film im offiziellen Wettbewerb am besten den Kriterien entspricht, die bei den Tätigkeiten dieser beiden Organisationen im Bereich der Nord/Süd-Zusammenarbeit zur Anwendung kommen.

Der Preis der ökumenischen Jury ging an

„Lola“ von Brillante Mendoza, Philippinen 2009

Die Jurymitglieder:
Vesna Andonovic, Luxembourg
Beat Dietschy, Jurypräsident, Bern
Arielle Domon, Montpellier
Valérie Lange, Lausanne

http://www.fiff.ch