Tokyo Sonata
Die Globalisierung bewirkt, dass selbst der quasi mit seiner Firma vermählte japanische «salary man» die einst auf Lebzeiten sichere Stelle verlieren kann. Wo Arbeit der einzige Lebensinhalt ist, gilt ihr Verlust als Schande, die nicht selten vor der eigenen Familie verheimlicht wird. So vertreibt sich auch der entlassene Ryuhei die Zeit auf öffentlichen Plätzen, um die Fiktion einer geregelten Arbeit aufrechtzuerhalten. Zu Hause pocht er umso unerbittlicher auf seine väterliche Autorität. Derweil sehnen seine Frau und Söhne sich nach einem Ausbruch aus der erstickenden häuslichen Situation.
Schon in seinen eindrücklichen Horrorfilmen wie «Kairo» hat der Japaner Kiyoshi Kurosawa es ganz hervorragend verstanden, durch die Inszenierung von Räumen Unbehagen auszulösen. Dieses Talent zeigt sich auch in seinem Porträt einer familiären Entfremdung, selbst wenn die Risse in der Normalität diesmal nicht von übernatürlichen Erscheinungen hervorgerufen werden, sondern von der Untauglichkeit rigider Rollenvorstellungen in einer sich wandelnden Welt. Was die Situation der Figuren aber am meisten belastet, ist ihre Sprachlosigkeit untereinander. Kurosawas Film ist eine grimmige Analyse des modernen Japan, aber die Sinnfragen, die er stellt, sind universell verständlich. Ebenso die Ironie, mit der er die teils abstrusen Versuche der «salary men», den schönen Schein zu wahren, aufs Korn nimmt.
Julia Marx, Filmkritikerin und Filmwissenschaftlerin
«Tokyo Sonata», Japan 2008, Regie: Kiyoshi Kurosawa, Darsteller: Teruyuki Kagawa, Kyoko Koizumi, Kai Inowaki; Verleih: Trigon-Film, Internet: http://www.trigon-film.org, Filmwebsite: http://www.tokyosonatamovie.com
Kinostart: ab 11. Dezember 2008
