4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage

«Ja» sagt Otilia knapp, und ihre Freundin Gabita murmelt verzagt «merci». Für die Studentinnen folgt ein alptraumhafter Tag. Otilia organisiert im kommunistischen Rumänien nicht nur Seife und Zigaretten, sondern auch das Hotelzimmer, in dem Gabita eine illegale Abtreibung vornehmen lassen will. Bald sind beide dem «Engelsmacher» Mr. Bebe ausgeliefert.
Regisseur Cristian Mingiu setzt auf Realismus und lange Einstellungen. Einzig wenn Otilia unterwegs ist, hetzt auch die Kamera. Der Film besticht, indem er das Brutale ausblendet und gerade dadurch ins Zentrum rückt. Es kommt sexuelle Nötigung, eher noch Vergewaltigung vor, ohne dass ein Ton zu hören, geschweige denn etwas zu sehen wäre. Auch die Abtreibung geschieht im Off. Keine Tränen, keine Qual, kein Blut. Umso brutaler der Anblick des leblosen roten Bündels auf dem Badezimmerboden. Der Plan ist gut gegangen, und doch ist irgendwie nichts gut.

«Moralinsauer» sei dies, hiess es in manchen Kritiken. Aber wer fällt hier das moralische Urteil? Wollen sich etwa die Betrachtenden den unangenehmen Anblick vom Leib halten, indem sie dem Regisseur «Moralismus» vorwerfen? Mingius kompromissloser Film trifft zweifellos einen Nerv. Otilia und Gabita beschliessen am Ende, nie mehr über das Geschehene zu sprechen. Es wird wohl niemand aus dem Kino kommen und über das Gesehene schweigen können.

Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch

«4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage» («4 luni, 3 saptamini si 2 zile»/«4 Months, 3 Weeks and 2 Days»), Rumänien 2007, Regie: Cristian Mungiu, Besetzung: Anamaria Marinca, Laura Vasiliu, Vlad Ivanov, Luminita Gheorghiu; Verleih: Frenetic Films, Internet: http://www.frenetic.ch, Filmwebsite: http://www.4months3weeksand2days.com

Kinostart: 15. November 2007

«4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage» ist Film des Monats November. Der Film des Monats kann als pdf geladen werden: medientipp.ch/pdf/filmtipp_200711.pdf