Goldene Palme für Aussenseiter, viel Glamour und Politik
Grosse Namen dominierten den Wettbewerb der Jubiläumsausgabe in Cannes vom 16. bis 27. Mai – die Palme d’or gewann dennoch ein Aussenseiter und der ökumenische Jurypreis ging an Fatih Akin für sein deutsch-türkisches Drama „Auf der anderen Seite“. Die Filmprominenz ausser Konkurrenz sorgte für viel Glamour und Charity auf dem roten Teppich. Und Michael Moore stellte in seiner neuesten „Dokumentation“ das amerikanische Gesundheitssystem an den Pranger.
Keine Frage: Cannes ist und bleibt der Welt bedeutendstes Filmfestival, auch angesichts der immer stärkeren Konkurrenz aus Berlin, Venedig, Toronto oder der jüngsten, mit viel Geld aus der Taufe gehobenen Events in Rom und Dubai. Thierry Frémaux, der Programmdirektor des Filmfestivals in Cannes, konnte zum 60. Jubiläum mit einem spannenden und einem der vielversprechendsten aller Wettbewerbsprogramme aufwarten. Die Liste der Filmemacher, die um die Goldene Palme kämpften, liest sich wie das „who is who?“ des zeitgenössischen Arthouse-Kinos: Wong Kar-wai, Joel & Ethan Coen, David Fincher, Emir Kusturica, Kim Ki-duk, Quentin Tarantino, Alexander Sokurov, Gus van Sant. Zählt man dann noch die neusten Werke jener Regisseure hinzu, die ausserhalb der Konkurrenz präsentiert wurden (Denys Arcand, Michael Moore, Steven Soderbergh, Michael Winterbottom, Claude Lelouch, Ermanno Olmi, Volker Schlöndorff), lässt das Line-Up auch die Herzen anspruchsvollster Cineasten höher schlagen.
Triumph eines Aussenseiters
Trotz der vielen grossen Namen machte ein Aussenseiter im Wettbewerb das Rennen. Mit dem rumänischen Beitrag „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ von Cristian Mungiu gewann vielleicht nicht der beste Film die Goldene Palme, aber mit Sicherheit der nachhaltigste Film. Seinem Abtreibungsdrama, das Mungiu im Rumänien der zu Ende gehenden Ceausescu-Ära ansiedelt, stellt er eine starke Heldin voran, die ihre ungewollt schwangere Freundin bei der verzweifelten Suche nach einem Ausweg aus ihrer misslichen Lage bedingungslos unterstützt. In einem äusserst nüchternen Stil beschreibt „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ den steinigen Weg der beiden Studentinnen hin zur illegalen Abtreibung, die ein mehr als schmieriger Arzt unter der Prämisse vornehmen wird, mit beiden Mädchen zuvor Sex zu haben, den der Regisseur freilich dezent ausblendet, ebenso wie er den Abgang des Fötus selbst nicht zeigt, hingegen wie ihn später die Freundin auf dem Badezimmerboden findet. Dann verharrt die Kamera schmerzlich lange auf diesem nie dagewesenen Spielfilm-Anblick, und man ahnt als Zuschauer, dass es dieses Bild sein wird, das vielen Juroren das Blut dermassen stark in den Adern gefrieren lassen wird, dass sie gar nicht anders können, als ihre Preise über diesen Film auszuschütten. Befreit man sich aber von diesem emotionalen Würgegriff und legt das Augenmerk auf die Aussage des Films, der keinerlei Anklage gegen die Mädchen erhebt, sondern nur gegen die Männer, die sie in solch missliche Lagen bringen, bzw. daraus Profit schlagen, so steuert der Film am Ende auf eine billig eindimensionale Moral zu, die auch seiner hervorragend agierenden Hauptdarstellerin nicht gerecht wird.
Ökumenischer Preis für deutsch-türkischen Film
Die ökumenische Jury zeichnete in diesem Jahr den deutsch-türkischen Beitrag „Auf der anderen Seite“ von Fatih Akin (Gegen die Wand) als besten Film des Wettbewerbs aus. Überglücklich nahm der Regisseur am Sonnabend aus den Händen von Jury-Präsidentin Anne-Beatrice Schwab den Preis entgegen. Umringt von einer beachtlichen Anzahl von Journalisten gab Akin seiner Hoffnung Ausdruck, dass auch andere Menschen das in seinem Film erkennen mögen, was die ökumenische Jury darin gesehen hat. „Auf der anderen Seite“ erzählt von zwei Todesfällen, die auf jene schicksalhafte Weise miteinander verbunden sind, die man bereits aus Filmen wie „21 Gramm“ und „Babel“ des mexikanischen Regisseurs Alejandro Gonzales Inarritu kennt, dem Fatih Akin auf der Pressekonferenz dann auch ausreichend für Inspiration dankte. Sein Film handelt vom Leben in verschiedenen Welten: Deutschland und der Türkei, von der Suche nach Zugehörigkeit, sowohl national als auch emotional. Eine Türkin kommt in Deutschland ums Leben, versehentlich erschlagen von ihrem türkischen Lebensgefährten. Eine junge Deutsche verliert ihr Leben in der Türkei, versehentlich erschossen von einem türkischen Jungen. Um jegliche überzogene Dramatik herauszunehmen aus seinem Film, und den ruhigen Erzählcharakter zu unterstützen, gibt Akin das Schicksal der beiden Frauen in Kapitelüberschriften bereits preis, bevor er die Figuren überhaupt einführt. Der Zuschauer weiss um die Chronik der angekündigten Tode, und doch mag man sie nicht glauben, weil man die Figuren gerade erst lieb gewonnen hat. Unterstützt von einer bewundernswert ökonomischen Erzählweise verstrickt „Auf der anderen Seite“ die Schicksale von sechs Menschen zwischen Deutschland und der Türkei und zeigt Wege der Annäherung zwischen den unterschiedlichen Kulturen auf. Der Film erhielt von der Grand Jury ausserdem den Preis für das beste Drehbuch.
Glamour, Charity und Politik
Cannes wäre nicht Cannes wenn es nicht ausserhalb von Wettbewerbsfilmen auch für gehörig Prominenz auf dem roten Teppich sorgen würde, sei es nun dass ohne filmischen Anlass alternde Aktricen wie Sharon Stone oder Andie MacDowell Couture und Schmuck teurer Designer ausführen oder dass Stars wie Leonardo Di Caprio, George Clooney, Brad Pitt und Angelina Jolie ihre Filme ausserhalb des Wettbewerbs präsentieren und abends die Spendentöpfe diverser Wohltätigkeitsveranstaltungen zum überlaufen bringen. Aber Glamour und Charity alleine reichen Cannes schon längst nicht mehr. Spätestens seit dem Sieg von „Fahrenheit 9/11“ (2004) hat Cannes auch sein Herz für politische Streitkultur entdeckt, und wer verkörpert sie besser als der mittlerweile selbst im linken Lager sehr zwiespältig angesehene Michael Moore, der an der Croisette seine neueste Dokumentation „Sicko“ vorstellen durfte.
In seiner neuesten „Dokumentation“ stellt Moore das US-Gesundheitssystem an den Pranger, ein sehr zynisches System privater Kassen, das Menschen, die dringend ärztlicher Behandlung bedürfen, diese Hilfe ab und an verweigert, um Profite zu steigern. Seine dramaturgische Trumpfkarte spielt Moore gegen Ende des Films aus, als er die von ihm interviewten Versicherungsopfer mitnimmt zu einem Bootsausflug nach Guantanamo Bay, dem einzigen Flecken US-Territory, wo man seiner Meinung nach ausgezeichnete medizinische Behandlung erfährt. Archivmaterial zeigt die medizinisch aufs Feinste ausgestatteten Behandlungsräume für unter Terrorverdacht stehende Häftlinge, und Moore schürt Empörung darüber, dass freiwilligen 9/11-Rettungshelfern nicht die gleich gute medizinische Behandlung zuteil wird, wie den muslimischen Extremisten. Moore schippert mit seinem Häufchen Elenden vor die Küste Guantanamos und kreischt durchs Megaphon, „Why can’t our heroes get the same medication as these evildoers“? Ein Unrecht gegen ein anderes ausspielen und dafür Szenenapplaus ernten, das bringt nur ein Michael Moore fertig!
Freilich findet man in Guantanamo Bay weder Zutritt noch Gehör, weshalb sich die Moore´schen Boat-People auf den Weg ins nahe gelegene Kuba machen, jenen Staat, der von den USA immer noch mit einem Handelsembargo belegt ist und auch sonst nach Kräften verteufelt wird. Eins der weltbesten Gesundheitssysteme freut sich geradezu darauf, die armen US-Helden medizinisch überfürsorglich zu behandeln. Was der Film natürlich wieder ausblendet, ist, dass er dafür eine Drehgenehmigung benötigte, die er wohl nur bekommen hat, weil sich die kubanischen Behörden die Hände vor Vorfreude rieben, als sie hörten, was Michael Moore zeigen möchte. Selbst eine Tochter Castros liess es sich nicht nehmen, für diese Pro-Kuba-Propaganda vor die Kamera zu treten. Viva la revolucion!
Marisa Villareale, Mitglied der ökumenischen Jury in Cannes
| Festivalseite von Cannes http://www.festival-cannes.fr Ökumenische Jury in Cannes Ökumenischer Preis (mit Links zu Filmdossiers „Auf der anderen Seite“) Cannes 2007 – Preise, Interviews, Trailer (arte.tv) |
