Buchrezension: „Filmkunst und Gesellschaftskritik“ – Film und Theologie Bd. 7

Als vor ein paar Wochen Ken Loach die Goldene Palme in Cannes gewann, war viel von „sozialkritischem“ und „engagiertem Kino“ die Rede. Die Zeitungen gaben damit dem Hauptpreis des pompösesten Festivals der Welt seine inhaltliche Legitimierung. Künstlerisch habe es, so der Tenor vieler Artikel, Besseres gegeben. Die Berichterstattung über den jüngsten Loachfilm lebte unabhängig von seiner Qualität von dem ebenso simplen wie hartnäckigen Klischee, Kunst und Inhalt seien zwei verschiedene Paar Stiefel. Als ob es genügte, wenn ein Film gut gemeint ist.

Dass dem nicht so ist, zeigt ein neues Buch der internationalen Forschungsgruppe „Film und Theologie“, das schon im Titel ein klares „und“ zwischen „Filmkunst und Gesellschaftskritik“ setzt. Der handliche Band umfasst dreizehn Aufsätze, ein Interview mit Peter Kahane sowie eine persönlich gehaltene Dokumentation zur DEFA, dem ehemaligen Filmstudio der DDR. Die „sozialethischen Erkundungen“, so der Untertitel, verbinden Filmanalysen mit theologischen Anregungen zu den Berührungspunkten von Ethik, Kunst und Christentum. Die Lesbarkeit ist – für einen Sammelband typisch – höchst wechselhaft. Gerade die programmatischen Anfangstexte wirken mühsam und schwerfällig. Doch die unterschiedlichen Zugänge der Autoren und gerade mal einer Autorin bieten eine abwechslungsreiche Lektüre. Es finden sich darunter auch recht süffige Texte, wie jener zu Bruno Dumonts „La vie de Jésus“ oder der Beitrag zu den Brüdern Dardenne. Fokussiert werden vor allem europäische Grössen wie Andreas Dresen, Mike Leigh, die Dogma-Bewegung, Pasolini. Dazwischen wirkt der Aufsatz zu Michael Moore wie ein Fremdkörper, jedoch ein interessanter und differenziert kritischer. Exemplarisch verdeutlicht er, was auch andere Beiträge benennen, nämlich die spannungsreiche Verwandtschaft von Dokumentarfilm und engagiertem Spielfilm.

Alle Texte regen dazu an, sich mit den jeweils besprochenen Filmen zu beschäftigen oder sie in der Bildungsarbeit einzusetzen. Abgeschlossen wird der Band mit vier kurzen „methodischen Statements“, die den theologischen Ort filmästhetischer Debatten einzuholen suchen. Das Ineinander von (allgemeiner) Ethik und Ästhetik erschliesst sich im gesellschaftskritischen Kino leicht, ein religiöser oder gar theologisch sozialethischer Gehalt dagegen wird erst bei genauerer Betrachtung sichtbar. Die Statements umkreisen die Notwendigkeit und die Möglichkeiten der theologischen Rezeption von Filmen. Insofern Kino prophetische Funktionen der Kritik, aber auch der Verheissung übernimmt, hat Theologie diese medialen Wirklichkeiten beobachtend zu kommentieren. Selbstverständlich fordert auch die Sinngebungsqualität von Filmen theologisches Denken heraus. Und zuletzt wird das Spiel mit den Bildern und ihre Ablösung durch andere, ja der Ikonoklasmus im Kino bespiegelt. Auch wenn nicht jedes Statement aus Konzilstexten zitiert, sind sie doch alle deutlich in der katholischen Tradition verankert. Die Impulse, die das Buch zu geben vermag, reichen aber deutlich über diesen Rahmen hinaus.

Christine Stark, Filmbeauftragte der Reformierten Medien, Zürich
christine.stark@ref.ch

Walter Lesch / Charles Martig / Joachim Valentin (Hg.): „Filmkunst und Gesellschaftskritik – Sozialethische Erkundungen“. Film und Theologie Bd. 7, Schüren Verlag, Marburg 2005, 200 Seiten, mit Abbildungen, Euro 16.90, ISBN 3-89472-396-3

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