L’enfant endormi

Sie bleiben zurück, die marokkanischen Frauen, deren Männer auf der Suche nach Arbeit in Richtung Spanien ziehen. So auch Zeinab, die gerade mal eine Nacht verheiratet ist, als ihr Mann weg geht. Gemeinsam mit Mutter, Grossmutter und Schwägerin meistert sie ihr karges Leben. Als sie bemerkt, dass sie schwanger ist, nötigt ihre Mutter sie dazu, den Fötus «einschlafen» zu lassen. Das Kind soll erst zur Welt kommen, wenn sein Vater wieder zurück ist.

Der Mythos von «schlafenden Schwangerschaften» ist im Maghreb verwurzelt. Regisseurin Yasmine Kassari verarbeitet ihn auf zweifache Weise, als narratives Element und als Metapher. Die gestoppte Schwangerschaft von Zeinab bildet nur einen Erzählstrang. Ein anderer entwickelt sich um ihre Schwägerin Halima, die für ihre Bedürfnisse einsteht und an den patriarchalen Strukturen rüttelt. Wie ein «schlafendes Kind» erscheint auch das Leben der Frauen in seiner Entwicklung gehemmt. Der mehrfach ausgezeichnete Film fängt dies visuell und atmosphärisch ein und lässt den Stillstand geradezu spürbar werden. Mit seinem Blick auf das Leben der Zurückgelassenen bietet er einen eigenständigen Beitrag zur Migrationsdebatte.

Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch

«L’enfant endormi», Marokko 2004, Regie: Yasmine Kassari, Besetzung: Rachida Brani, Mounia Osfour, Aissa Abdessamie; Verleih: trigon-film, Internet: http://www.trigon-film.org