Krieg und Leid im Medienalltag
Tagtäglich bricht eine neue Bilderflut über uns herein, die auch Darstellungen von Gewalt und Leid in Zeitungen, Fernsehen und Internet beinhaltet. An der Tagung „Im Banne der Medienbilder“ vom 11. Juni an der Paulus-Akademie berichteten Referenten aus verschiedenen Perspektiven über die mediale Inszenierung von Krieg und Leid. Dabei fiel vor allem der Rollenwechsel der MedienkonsumentInnen in den vergangenen Jahren auf.
Der Historiker und Sozialwissenschaftler Gerhard Paul spannte den Bogen von den Anfängen der Kriegsfotografie Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die audiovisuelle Präsenz der Kriegsbilder in der Gegenwart. Als so genannter „Picknickwar“ ging beispielsweise der Krimkrieg 1855 in die Geschichte ein. Die Standbilder von der Front stellten die Truppen meist während Gefechtspausen oder vor den Schlachten dar. Diese ersten Kriegsfotografien entstanden zeitlich und räumlich entrückt und wurden meist erst nach Wochen oder Monaten gedruckt. Ganz anders ist die Lage heute. Seit dem Golfkrieg 1991 gehört der moderne „Bilder-Krieg“ zur militärischen Kriegsstrategie. Bombardierungen werden medial inszeniert und erfolgen zur „Prime-Time“.
Kennzeichnend in der Entwicklung der Kriegsberichterstattung ist die Rolle der MedienkonsumentInnen. Durch die direkte Beteiligung am Geschehen, die Echtzeitberichterstattung der Medien, werden die MedienkonsumentInnen zur Teilhabe am Krieg gezwungen. Sie sind Teil einer medialen Schlacht geworden, die von einer „desinformierenden Überinformation“ dominiert wird.
Aus der Sicht der Medienschaffenden ist die Verarbeitung der Bilder- und Informationsflut kaum mehr möglich. Es bleibt nur wenig Reflexionszeit für fundierte Analysen und Kommentare, denn ein Ereignis jagt das Nächste.
Die Macht der Bilder
Eine Zensur auf dem globalen Bildermarkt ist heute kaum mehr möglich. Wurden noch bis zum Vietnamkrieg Bilder eigener Kriegstoter ausgeblendet, bietet das Internet heute für beide Kriegsparteien eine Plattform, die Toten der Gegner zur Schau zu stellen.
Die beiden Publizisten Georg Seesslen und Markus Metz thematisierten unter anderem, wie die Macht der Bilder nicht nur das Ende des Vietnamkrieges herbeizwang, sondern über zwei Jahrezehnte später im Kosovo zum Eingreifen der NATO-Truppen führte. In ihrer multimedialen Inszenierung übten sie Kritik am Medienzeitalter als neues Mittelalter. Der neuen „Symbolglocke“ des Medienzeitalters sei heute genauso wenig zu entkommen, wie damals der Kirche.
Auch wenn die heutige Medienwelt unseren Alltag stark dominiert und es kein entrinnen gibt, sollte dennoch hie und da ein kritisch distanzierter Blick auf unser Mediengeschehen nicht fehlen.
Monica Lienin, Redaktorin Medientipp
redaktion@medientipp.ch
Die Referate (ohne Bildmaterial) von Gerhard Paul sowie die Texte von Georg Seesslen und Markus Metz werden in Kürze auf der Website der Paulus-Akademie abrufbar sein:
http://www.paulus-akademie.ch/dokumentationen/index.php
Literaturhinweise:
- Gerhard Paul: Bilder des Krieges – Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges. Zürich 2004
- Georg Seesslen, Markus Metz: Krieg der Bilder, Bilder des Krieges. Abhandlung über die Katastrophe und die mediale Wirklichkeit. Berlin 2002.
- Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten. München 2003.
Die Tagung der Paulus-Akademie wurde unterstützt vom Katholischen Mediendienst und dem Institut für Theorie der Gestaltung und Kunst, Zürich
http://www.kath.ch/mediendienst
http://www.ith-z.ch
