Vision du Réel Nyon 2005
Zum ersten Mal war eine Interreligiöse Jury am Internationalen Filmfestival Visions du Réel in Nyon vom 18. bis 24. April akkreditiert. Die internationale Filmkultur in Nyon hat sich bisher als sensible Plattform für den Dialog zwischen verschiedenen religiösen Kulturen und Werthaltungen präsentiert. Die formal wie inhaltlich abwechslungsreichen Filme gaben der Interreligiösen Jury Anlass für einen intensiven Gedanken- und Meinungsaustausch.
Mit „Un dragon dans les eaux pures du caucase“ (The pipeline next door) der Georgierin Nino Kirtadzé gewann ein aktueller Film sowohl den Hauptpreis der Internationalen Jury als auch den Spezialpreis John Templeton der Interreligiösen Jury. Der Film porträtiert auf fesselnde und amüsante Art die dramatische Konfrontation zwischen den Bewohnern eines Dorfes und den Vertretern einer mächtigen Erdölfirma. Während die Vertreter von BP mit Kaufverträgen für das benötigte Land im Dorf auftauchen, schreitet der Bau der von Aserbaidschan in die Türkei führenden gigantischen Pipeline bedrohlich voran. „Dieser Drache wird uns fressen“, sagen die Bauern. Doch während sich einige angesichts der gefährdeten Heilswasserquellen um die Zukunft und um ihre Rechte betrogen sehen, wittern andere ein willkommenes Geschäft. Das Dorf ist heillos zerstritten, weshalb das Gebet der Frauen um lokalen, nationalen und weltweiten Frieden in den Ruinen ihrer Kirche besonders berührend wirkt.
„Massaker“, die deutsch-schweizerische Koproduktion von Monika Borgmann, Lokman Slim und Hermann Theissen wurde von der Internationalen Jury mit dem zweiten Preis ausgezeichnet. Im Mittelpunkt stehen Berichte von sechs Mitgliedern christlicher Milizen, die 1982 bei den nach wie vor unaufgeklärten Schlächtereien in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila beteiligt waren. Der Film löste kontroverse Diskussionen aus und provozierte angesichts der Reduktion der Bilder die Frage nach der filmischen Qualität: Ins Bild gesetzt werden behaarte Körperteile, während die Täter in einem abgedunkelten Raum anonym bleiben. Obwohl die weitgehend unzusammenhängend aneinander gereihten Äusserungen stellenweise Ansätze von Selbstbesinnung erkennen lassen, bleibt der Film düster und ohne erhellende Einsichten in den Ursprung des Bösen, wie es sich in den letzten Jahren in den kollektiven Gewaltakten in Rwanda und im ehemaligen Jugoslawien wiederholt manifestiert hat.
Nicht mit Waffengewalt, sondern mit Waren wie Zucker, Tabak, Äxten und vor allem Alkohol wurde das asiatische Nomadenvolk der Tschuktschen von den Russen erobert und langsam aufgerieben. Dazu kam eine systematische „Desidentifikations“-Politik mit Unterdrückung der Sprache und Zuteilung eines russischen Namens beim Schuleintritt jedes Kindes. „Fata Morgana“ von Anastasia Lapsul und Markku Lehmuskallio ist ein Wechselspiel zwischen der Gegenwart und der mythischen Vergangenheit, als die Eskimos in Harmonie mit dem Meer lebten. Die Interreligiöse Jury zeichnete den finnischen Film „Fata Morgana“ mit dem 5´000 Franken dotierten Preis der Katholischen Kirche Schweiz und der John Templeton Stiftung aus. „Der Film ist ein unaufdringlicher, aber bestimmter Aufruf zu gegenseitigem Verstehen und Annehmen und eine Einladung, Wahrheit mit Bescheidenheit und Mut zu suchen“, schreibt die Jury in ihrer Begründung.
Anders als in früheren Jahren vermochte keiner der drei Schweizer Beiträge wirklich zu überzeugen. Beim sowohl sympathischen wie berührenden Eröffnungsfilm „Josh’s Trees“ von Peter Entell, in dem dieser den filmischen Nachlass seines Freundes Josh Hanig ordnet und als Vermächtnis für dessen Sohn Marshall mit persönlichen Erinnerungen ergänzt, blieb der Eindruck zurück, dass der zu private Charakter der Montage dem künstlerischen Anspruch nicht dienlich ist. Das Porträt „Maria Bethânia, Música é perfume“ von Georges Gachot über die legendäre brasilianische Sängerin wirkte zwar lebendig und wohltuend, vermochte aber dem Vergleich mit „Martha Argerich“ (2002) nicht standzuhalten. Fernand Melgar schliesslich, dessen Lausanner Produktionsfirma „Climage“ aus Anlass des 20-jährigen Bestehens mit einer Sonderveranstaltung geehrt wurde, zeigte mit „Exit“ in der Tradition des „Cinéma direct“ einen sachlichen, aber unkritisch wirkenden Film. „Exit“ über die 1980 in der Westschweiz gegründete gleichnamige Sterbehilfeorganisation, geht am Ende an die Grenzen dessen, was Kino darstellen darf. Natürlich ist der Film nicht im Auftrag der Organisation Exit entstanden, aber dass er so wahrgenommen werden kann, macht deutlich, welche Anfragen er auslöst.
Hans Hodel, Jurykoordinator INTERFILM und Templeton Stiftung
hanshodel@swissonline.ch
Links:
http://www.inter-film.org
http://www.signis.net
http://www.visionsdureel.ch
Preise der Interreligiösen Jury
| Begründungen der Jury:
Der mit 5´000 Franken dotierte Preis der Katholischen Kirche Schweiz und der John Templeton Stiftung wurde vergeben an: „Fata Morgana“ „Er ist eine durch Legenden und Mythen geprägte allegorische Annäherung an die menschlichen und existentiellen Grundfragen: Woher komme ich, wer bin ich und wohin gehe ich? Die Filmemacher bringen diese auf harmonische Weise zur Darstellung, indem sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit Hilfe von Archivbildern, animierten Sequenzen und rekonstruierten Aufnahmen in Einklang bringen. „Un Dragon dans les eaux pure du caucase“ (The Pipeline next door) „Im Mittelpunkt dieses fesselnden Films stehen die Bewohner eines georgischen Dorfes im Kaukasus. die sich angesichts des Drachens vor ihrer Haustüre in Form einer sich unerbittlich herannahenden Öl-Pipeline mit einer globalen Entwicklung konfrontiert sehen. Die Kamera führt uns, oft mit einem humorvollen Blick, an Themen wie postkommunistische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, unsichere Wirtschaft, ökologische Gefahren und die Rolle einer transnationale Gesellschaft heran. Angesichts des Bades ausländischer Arbeiter im klaren Bergwasser erhebt sogar noch Fremdenfeindlichkeit ihr hässliches Haupt. Die unverfälschten und eigentlichen Anliegen der Dorfbewohner sind eingefangen im Gebet für lokalen, nationalen und weltweiten Frieden in den Ruinen einer Kirche.“ Roza Berger-Fiedler (Deutschland) Die Jurymitglieder wurden von den internationalen Film- und Medienorganisationen INTERFILM und SIGNIS nominiert. |
Die nächste Ausgabe von Visions du Réel findet vom 24. bis 30. April 2006 statt.
