Dilemma eines Priesters

Ein Priester aus dem berüchtigten „Pfarrerblock“ des KZ Dachau wird im Januar 1942 für neun Tage in seine luxemburgische Heimat geschickt. Abbé Henri Kremer kann sein zweifelhaftes Glück kaum fassen. Gezeichnet vom Lagerleben, mit eingefallenem Gesicht und tiefliegenden Augen, kehrt er zurück zu seiner Familie. Die Begegnung mit seiner Schwester Marie und seinem Bruder Roger ist schmerzhaft. Henri Kremer ist ein anderer Mensch geworden: gezeichnet von Alpträumen und schrecklichen Bildern der Folter. So ist die Wiedervereinigung der Familie eine belastende und spannungsreiche Situation, geprägt von Zweifeln und Ängsten.

Teufelspakt

Henri Kremer, dem der Schauspieler Ulrich Matthes eine bedrängende Gestalt verleiht, weiss nicht, wieso er aus dem Lager entlassen wurde. Täglich wird er in die Villa Pauli beordert, dem berüchtigten Zentrum des luxemburgischen Nazi-Terrors. Untersturmführer Gebhardt ist ein gebildeter Mann, hinter dessen Fassade bald der skrupellose Karrierist durchscheint. Er soll Kremer überreden, seinen Bischof für einen Pakt mit den Machthabern zu gewinnen. Mit List und unverhohlener Drohung versucht der Gestapo Mann, den Abbé auf seine Seite zu ziehen. Verführerische Argumente, die bis zur Umkehrung des Judas-Motivs führen, gehen Gebhardt leicht von der Zunge. Bald erweist sich, dass auch Gebhardt eine theologische Ausbildung genoss und sogar zum Diakon geweiht wurde. Doch als Machtmensch, der über Leichen geht, hat er sich auf die andere Seite geschlagen. Er schlägt dem Geistlichen einen Teufelspakt vor: Gelingt es Abbé Kremer innerhalb von neun Tagen, seinen Bischof zu überzeugen, ist er frei. Missglückt der Versuch, dann muss Kremer zurück ins Konzentrationslager. Um eine Flucht des Priesters auszuschliessen, bürgen seine Mitgefangenen in Dachau mit ihrem Leben.

Moralisches Dilemma

Die Ausgangssituation klingt in ihrer moralischen Zuspitzung nach einem kasuistischen Jesuitendrama. Was der Protagonist auch tut, es wäre angesichts seiner moralischen Überzeugung falsch. Die Sicherheit seiner Familie ist gefährdet. Das Leben seiner Mitbrüder im Lager steht auf dem Spiel. Seine Loyalität gegenüber dem Bischof steht auf dem Prüfstand. Sein eigenes Leben ist hochgradig in Gefahr. Doch der Film ist mehr als ein exemplarisches Dilemma. Das Duell zwischen den ungleichen Gegnern, das in ein eigentliches Kammerspiel mit filmischen Mitteln übergeht, durchbricht die Grenzen des Gewissensdramas. Bald wird klar, dass es hier um die unverzichtbare Verantwortung des einzelnen Individuums geht.
In diesem spannungsreichen Kammerspiel brillieren vor allem die Schauspieler. Ulrich Matthes setzt die inneren Kämpfe und Nöte Kremers fast wortlos um. Nur im Spiel mit den Augen und den Nuancen des Gesichtsausdrucks deutet er an, was in ihm vorgeht. Bibiana Beglau überzeugt als seine empathische und mutige Schwester Marie und August Diehl gibt einen brillierenden Untersturmführer Gebhardt.

Ein so ausgesprochen moralischer Film, war lange nicht mehr im Kino zu sehen. Er liegt so weit weg von der üblichen Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte, dass man dem Regisseur Volker Schlöndorff ein Kompliment zu seinem Mut aussprechen muss. Steven Spielbergs „Schindler’s List“ wirkt daneben eher rührselig und zu stark auf Identifikation bedacht. Auch Oliver Hirschbiegels Darstellung der letzten Tage Hitlers im Bunker in „Der Untergang“ ist zu Recht in die Kritik geraten. Mit einem platten Abbild-Realismus lässt sich das Ende des NS-Regimes nicht bewältigen. Mit den Filmbildern eines Diktators, der liebevoll seinen Schäferhund tätschelt oder nach dem Essen mit einer Serviette dezent seine Lippen abtupft, ist dem Schrecken nicht bei zu kommen.

Minimale Bilder

Schlöndorff geht in „Der neunte Tag“ einen anderen Weg. Minimale Bilder deuten die extreme Leidenserfahrung an: Die verzweifelte Suche nach einem Tropfen Wasser, die Verzerrung des Blicks an der Grenze des Erträglichen, das heimliche Zelebrieren einer Messe unter dem Deckmantel eines deutschen Liedes. Zumeist sind es Erinnerungsbilder oder Bilder aus Träumen, die als subjektive Wahrnehmung des Priesters gezeigt werden. Dazu kommt eine kontrapunktische Minimalmusik von Alfred Schnittke. Gerade diese stille Tonspur, die unerwartete Akzente setzt, führt beim Schauen in eine zermürbende Auseinandersetzung. Als Zuschauer und Zuschauerinnen wissen wir bald nicht mehr, wohin wir uns noch wenden könnten. Die Orientierung geht verloren. Schwankend zwischen Überlebenstrieb, Verantwortungsbewusstsein und den theologisch verdrehten Einflüsterungen des Gestapo-Mannes droht der Verlust der eigenen Identität. Die wahren Ausmasse dieses Kampfes lassen sich erst gegen Ende der Geschichte erahnen.

Was in „Der Untergang“ nur Staffage und Pathos ist, durchdringt „Der neunte Tag“ als Ganzes. Es ist eine historisch fundierte, fiktiv entwickelte Geschichte. Sie rekonstruiert sorgfältig ein verbrecherisches Mördersystem, das die Täter und Opfer heillos miteinander verstrickt. Dramaturgisch geschlossen spricht der Film direkt sein Publikum an. Der existentielle Kampf raubt einem streckenweise den Atem und stellt eine wesentliche Frage: Wie ist Versöhnung unter schuldbeladenen Bedingungen möglich? Der Film ist eine Zumutung, eine Zumutung die es im gängigen Spektakel der „historischen Aufarbeitung“ dringend braucht.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
 
 

Vorpremiere „Der neunte Tag“

Der Katholische Mediendienst und die Reformierten Medien laden am 9. Januar (11.00 Uhr) zur Vorpremiere von „Der neunte Tag“ ein. Nach der Filmvorführung im Kino Frosch in Zürich findet am Hirschengraben 7 ein Publikumsgespräch mit Bibiana Beglau, Christine Stark und Charles Martig statt.

Weitere Informationen: https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,2&meid=35580

Die katholische Zeitschrift „film-dienst“ hat eine Schwerpunktnummer zu „Der neunte Tag“ herausgegeben. Bestellnr. 23/2004: E-Mail: abo@film-dienst.de, Internet: film-dienst.de, Telefon: ++49 228 884 229,

 
 
http://www.derneuntetag.de