Credo quia absurdum
Die satirische Fanstasy-Parabel „Dogma“ ist kein Skandalfilm. Die religiöse Satire ist hier sowohl irrwitzig als auch liebevoll inszeniert. Mit einem ausgesprochenen Hang zur Geschwätzigkeit erzählt Kevin Smith die Geschichte von zwei Engeln, die von Gott auf die Erde verbannt sind. Bei ihren Bemühungen, in den Himmel zurückzukehren, verursachen sie beinahe den Untergang der Schöpfung. Durch das Erscheinen Gottes – in Gestalt einer Frau – wird dies jedoch im letzten Moment verhindert. „Dogma“ inszeniert nach dem Grundsatz: Credo quia absurdum – ich glaube weil es unerklärlich ist. Und der junge amerikanische Regisseur Kevin Smith lässt keine Gelegenheit aus, die skurrilsten Dialoge und aberwitzigsten Figurenkonstellationen aufzubauen.
Theologisch könnte man den Film als einen seltsamen Kommentar auf die katholische Unfehlbarkeitsdoktrin lesen, denn genau der wiedereingeführte vollständige Ablass führt in der Filmhandlung zur unglaublichen Bedrohung der Welt. Ausgerechnet zwei Racheengel – die bereits für den Untergang von Sodom und Gomorrha zuständig waren – wollen sich den Ablass erschleichen. In dieser Spitze gegen die römisch-katholische Ablasspolitik oder auch in der Darstellung des Kardinals von New Jersey – der durch eine PR-Kampagne die katholische Kirche wieder fit für den religiösen Markt machen will – trifft „Dogma“ satirisch ins Schwarze.
Kevin Smith gilt als einer der interessantesten Newcomer der amerikanischen Independent-Filmszene. Mit seiner „New-Jersey-Trilogie“ ist er bekannt und berüchtigt geworden. Ausgangspunkt war der Erfolg des Films „Clerks“ (USA 1994). Im Mittelpunkt seiner Filme stehen die sogenannten slackers: Jugendliche oder junge Erwachsene, die auf der Suche nach dem Platz in ihrem Leben sind, diesen jedoch nicht gefunden haben und in endlosen Gesprächen über Gott und die Welt ihre sexuellen Probleme kompensieren. In der langweiligen Endlosschlaufe treiben sie sich gegenseitig in den existentiellen Wahnsinn.
In „Dogma“ geben sich die Figuren gelehrt und überaus geschwätzig. Der Verkündigungsengel Metatron – der sich als die Stimme Gottes zu erkennen gibt – klagt über den Mangel an theologischem Wissen: Jeder, der einen Charlton-Heston-Film gesehen habe, halte sich schon für einen Theologen. Der Verweis auf den Filmklassiker „Ben Hur“ und zahlreiche andere Filme zeigt, dass Kevin Smith vor allem in der Videothek zu Hause ist und die Bibliothek sicherlich gemieden hat. Mit seiner Erfindungsgabe hat er ein aberwitziges Figurenkabinett entwickelt, das ein Feuerwerk an Gags vorführt. „Dogma“ versteht sich vor allem als Unterhaltungsfilm. Seine politische Unkorrektheit zielt wohl kaum auf die Verletzung von religiösen Gefühlen, sondern auf das Lebensgefühl der „slackers“, die sich nun in himmlische Gefilde vorwagen. Mit dem versöhnlichen Schluss – der Heilung ermöglicht und für die letzte Verwandte von Jesus neue Zukunftsperspektiven eröffnet – tritt die Satire ganz in den Hintergrund und macht einer seltsam ernsthaften Sinnsuche Platz. Es ist kaum zu glauben!
Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
Dogma, USA 1999. Buch und Regie: Kevin Smith.
| „Dogma“
„Dogma“ erzählt die Geschichte von den zwei Racheengeln Loki und Bartleby, die in Wisconsin gestrandet sind. Ihr Gott will kein rächender Gott mehr sein, und so haben sie ihre Aufgabe verloren. Eines Tages hören sie von der Einweihung einer Kathedrale in New Jersey und der Ankündigung des Bischofs, dass jeder, der die Pforte des Gotteshauses durchschreitet, den vollständigen Ablass gewinnt. So glauben die zwei, wieder heimkehren zu können. Gott versucht dies jedoch zu verhindern, indem er den Seraphim Metatron zu Bethany Sloane schickt, um sie mit einem Auftrag zu betrauen: Sie soll die zwei Engel vom Durchschreiten der Pforte abhalten. Bethany Sloane ist zwar gläubig, hadert aber mit Gott, weil sie keine Kinder bekommen kann. Bethany macht sich, begleitet von zwei seltsamen „Propheten“, auf den Weg nach New Jersey. Nach einigen Abenteuern, unter anderem eine Auseinandersetzung mit dem Teufel Azrael, gelangt die Gruppe schliesslich zur Kathedrale, wo in einem grossen Showdown Gott in Gestalt einer Frau erscheint und alles zum Guten wendet. „Dogma“ läuft ab 20. April in den Schweizer Kinos. |
Weiterführende Texte zu „Dogma“:
– „Silent Bob“ Essay von Charles Martig: https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,4&meid=35404
– „Dogma“ Filmkritik von Peter Hasenberg: https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,4&meid=35403
Beide Texte erscheinen in „film-dienst“ 8/2000: film-dienst.kim-info.de/
